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Regional Winterkonzert der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen
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00:22 24.01.2019
Winterkonzert der Akademischen Orchestervereinigung Göttingen (AOV) Quelle: Udo Hinz
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Göttingen

Volksmusik inspirierte Komponisten aller Epochen – von der Renaissance bis in die heutige Zeit. Die Akademische Orchestervereinigung Göttingen (AOV) und ihr Dirigent Piero Lombardi boten am vergangenen Wochenende ein passendes Konzertprogramm: Werke, die hörbar von Volksmusiken beeinflusst sind – Echos der Folklore-Traditionen aus Mexiko, Russland und Nordamerika.

Aaron Coplands (1900-1990) kurzes „El Salón México“ zeigt bei dem Konzert am Sonntag-Abend gleich am Anfang den großen Reiz, Folklore in die Klassik zu integrieren: Volksliedhafte und tänzerische Melodien vereinen sich mit dem Flair der Avantgarde. Bei diesem kurzen Einstiegsstück präsentiert sich zugleich eine exzellent eingespielte Orchestervereinigung. Das rund 80-köpfige Orchester agiert nuanciert bei den Klangfarben, spielt präzise in der Intonation und schafft eine dynamische Balance zwischen piano und forte. Das Ergebnis: ein strahlender Gesamtklang.

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Temperamentvolle AOV

Selbstbewusst geht die AOV Igor Strawinskys (1882-1971) Ballettsuite „Der Feuervogel“ von 1945 an – ein herausforderndes Werk voller Bezüge auf russische Traditionen mit sehr unterschiedlichen Gefühlstimmungen. Subtil bedrohlich lassen die Bassisten und Cellisten den Beginn des Werkes wirken, es folgen Momente voller Farbigkeit bei der Instrumentalisierung, dann klingen die Streicher und Bläser surreal mystisch bis sich das gesamte Orchester im Finale hymnisch zu höchster Lautstärke mit energetischer Wucht steigert. So temperamentvoll hat man die AVO selten erlebt.

Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“

Mit Antonin Dvořáks (1841-1904) 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ stand ein Klassiker im Konzertrepertoire auf dem Programm. Hinter dem Werk steht eine interessante Geschichte: Der durch seine „Slawischen Tänze“ weltberühmt gewordene Komponist bekam in den USA den Auftrag, den Amerikanern eine nationale Musik zu schaffen – und sie unabhängiger zu machen von europäischen Komponisten. Für den Europäer Dvořák war die Vokalkunst der Afroamerikaner und die Gesänge und Tänze der eingeborenen Indianer typisch amerikanisch. Diese Einflüsse verarbeitete der Tscheche folglich in seiner 1893 in New York mit großem Zuspruch uraufgeführten Sinfonie.

Die Musiker der AOV gehen das Werk mit Hingabe und langem Atem an. Im ersten Satz verbreiten sie mit dem markanten Horn-Thema Ausbruchsstimmung in der zugleich Sehnsucht und Melancholie mitschwingen. Das Publikum reagiert bereits nach dem ersten Satz mit Zwischenapplaus – ein Zeichen wie ergreifend die Interpretation war.

Staatstragende Würde

Im Laufe des Werkes arbeiten die einzelnen Instrumentengruppen und Solisten hörbar die Einflüsse afroamerikanischer und indianischer Melodien heraus. Im vierten Satz zeigt das Orchester, welche Reserven es noch hat. Es steigert die Spannung und gibt dem Finale geradezu staatstragende Würde.

Orchester und Dirigent scheinen an diesem Abend zu verschmelzen. Piero Lombardi dirigiert mal mit vergeistigt ernstem Gesichtsausdruck, mal mit einem verzückten Lächeln und Glanz in den Augen. Der Dirigent formt einen lebendigen Orchesterklang. Dabei kitzelt er immer wieder zart-zerbrechliche Momente mit Gänsehaut-Effekt heraus. Die Musiker spielen akzentuiert, mit schönen solistischen Soli und voll mitreißender Energie.

Begeisterter Applaus und Jubel

Das Publikum würdigt die spieltechnische und emotionale Leistung des Orchesters und des Dirigenten mit begeistertem Applaus und Jubel. Zu recht: Das Konzert bot Musik, bei der man als Zuhörer Raum und Zeit vergessen hatte.

Von Udo Hinz

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