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Regional Deutsches Theater präsentiert das Stück Woyzeck
Nachrichten Kultur Regional Deutsches Theater präsentiert das Stück Woyzeck
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09:26 10.12.2019
Farbige Kostüme, finstere Handlung: Andrea Strube glänzt in Kunstleder. Quelle: Thomas M. Jauk
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Göttingen

Eines der bedrückendsten Dramen der deutschen Theatergeschichte hat am Sonnabend Premiere im Deutschen Theater (DT) gefeiert. Mit der Adaption von Georg Büchners Woyzeck durch Robert Wilson und Tom Waits verschmolz das Dramenfragment mit einer Musikrevue, deren schrille Inszenierung von den Premieregästen mit anhaltendem Applaus und vereinzelten Bravo-Rufen goutiert wurde.

Regisseurin Antje Thoms spricht von einem „Zwitter aus Musik und Theater“, Dramaturg Jascha Fendel zieht Parallelen zur Gegenwart mit ihrem abgehängten Prekariat. Vor allem ist Woyzeck aber ein zeitloses Fallbeispiel für eine unter äußerem Druck wachsende Psychose und menschliche Monströsität: „Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“

Vorgeführt wie ein dressiertes Tier

Wie ein dressiertes Tier wird Woyzeck, den Volker Muthmann in Unterhemd und Basecap, mit verstörend devoter Hilflosigkeit verkörpert, von Andrea Strube ein- und vorgeführt. Strube, deren laszive Kunstlederkleider im Lauf des Abends die grellen Farben wechseln, lässt ihn Kapriolen aufführen und Erbsen auslöffeln. Mit einer absurden Erbsendiät quält ihn der Doktor (Andras Jeßling), der eine „Aberration Mentalis Partialis“ diagnostiziert, aber selbst nicht minder durchgeknallt daherkommt wie der schmierige Hauptmann (Marco Matthes), dem Woyzeck dient.

Woyzeck (Volker Muthmann) im Gerangel mit dem Tambourmajor (Christoph Türkay) Quelle: Thomas M. Jauk

 

Verhöhnt und erniedrigt bricht sich bei Underdog Woyzeck die Psychose Bahn. Als seine von ihm idealisierte Geliebte Marie (Marina Lara Poltmann) dem Begehren des aufgepumpt-dumpfbackigen Macho-Tambourmajors (Christoph Türkay) nachgibt, beginnt er Stimmen zu hören („Stich tot“). Zärtlich-traurigen Momenten wie dem, als er als er dem am „Papa“ hängenden Kind über die Stirn streicht („Alles arbeitet unter der Sonne, sogar der Schweiß im Schaf“) folgt schließlich das Desaster: Woyzeck fesselt und ermordet Marie. „God’s away on business.“

Das Dramenfragment wird zum Psychogramm einer fragmentierten und gequälten Seele. Der Song „Misery is the river of the world“ ist Programm. Obszöne Gesten unterstreichen die Obszönität der Gesellschaft, honigsüße Songs verstärken die Bitterkeit des Geschehens. Das heruntergekommene Zimmer mit Wäscheständer und einem Couchtisch voller Flaschen dreht sich immer wieder, um der Band Platz zu machen. Die erscheint mal mit Tiermasken, dann mit Schädeln vor der Stirn, in schwarzen Federn oder Goldglimmer. Das Bühnenkarussel spiegelt auch Woyzecks zunehmenden Schwindel beim Abgleiten in den Wahn wider.

Freak-Show und Pandemonium

Die DT-Inszenierung ist Psycho-Spektakel und Multimedia-Freakshow mit hohem Unterhaltungswert, Rocky-Horror mit existenziellem Tiefgang, Panoptikum und Pandemonion. Das gesamte Ensemble ist mit erschreckend intensiver Expressivität, vollem Stimm- und Körpereinsatz bei der Sache. Bizarre Traumgestalten taumeln über die Bühne, die schrillen Kostüme wirken wie die Explosion des begehbaren Kleiderschranks einer Drag-Queen. Beeindruckend spielt die sechsköpfige Band unter Leitung von Michael Frei den Seelen-Soundtrack, den Tom Waits mit seiner Frau Kathleen Brennan geschrieben hat. Die Originalaufnahmen sind unter dem Titel „Blood Money“ erschienen, unter dem Namen „Bloody Blades“ – blutige Klingen – knüpft die versierte DT-Band daran an. Die Geburt einer Psychose, untermalt vom Geist der Musik.

Die DT-Band „Bloody Blades“ im Einsatz auf der Drehbühne Quelle: Thomas M. Jauk

„Das Stück ist wild und geil und spannend. Es bringt einen dazu, Angst um die Figuren zu bekommen und über das eigene Leben nachzudenken. Ich schätze, mehr kann man von einem Stück nicht verlangen“, hat Tom Waits selbst gesagt. Das gilt auch für die gelungene DT-Inszenierung. „Daddy’s never coming home. Go to sleep.“

Vorlage für Filme und Musikbearbeitungen

Nicht nur mit seinem Ausspruch „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, das die Spontis der 1970er-Jahre zu „Krieg den Hütten, Paläste für alle“ verdrehten, wirkt Büchner bis heute politisch und kulturell nach. Sein Dramenfragment Woyzeck gehört zu den meistgespielten Stücken auf deutschen Bühnen, wurde unter anderem von Werner Herzog mit Klaus Kinski verfilmt und diente als Vorlage für Opernfassungen. Von Robert Wilson in Zusammenarbeit mit Songwriter Tom Waits wurde Woyzeck im November 2000 als „art musical“ am Betty Nansen Theater in Kopenhagen uraufgeführt. Danach war acht Jahre Sendepause, weil die Rechte gesperrt waren. Als erste Bühne in Deutschland durfte dann 2008 das Theater Oberhausen den Stoff adaptieren. Seitdem werde das Stück landauf, landab gespielt, aber noch nicht in Göttingen, berichtet DT-Regisseurin Antje Thomas. Mit der Premiere am Sonnabend hat sich das geändert. Weitere Vorstellungen sind am Freitag, 13. Dezember, und am Mittwoch, 18. Dezember, jeweils um 19.45 Uhr sowie am Sonntag, 26. Januar 2020, um 15 Uhr.

Von Kuno Mahnkopf

Mit Rockmusik Gutes tun wollten die Bands 25Bugz und Saya am Sonnabend. Beim Benefizkonzert im Marshall Amp Museum in Reckershausen sammelten sie Geld für die Tageblatt-Aktion „Keiner soll einsam sein“. Aus den Einnahmen der Eintrittskasse und einer Spendenbox kamen 1340,20 Euro zusammen.

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