Wunderbarer Liederabend bei Göttinger Händel-Festspielen
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Regional Der ideale Hofstaat der Almira
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00:25 27.05.2019
Langanhaltender Applaus war der Lohn des Publikums für den großartigen Liederabend des Ensembles „Seconda Prat!ca“.
Langanhaltender Applaus war der Lohn des Publikums für den großartigen Liederabend des Ensembles „Seconda Prat!ca“. Quelle: Meinhard
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Göttingen

Eine Königin und ihr Hofstaat. Ein Hofstaat, der nur aus Musikern besteht. Das wäre ein anzunehmender irdischer Idealzustand. Einen Eindruck davon bekamen die Gäste der Veranstaltung „Almiras Liederbuch“. Im Rahmen der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen ging es am Donnerstagabend in der Aula der Universität um die Figur der Almira. Um diese erfundene spanische Königin herum komponierte Georg Friedrich Händel seine erste Oper. Damals, 1705, war der junge Mann aus Halle an der Saale 24 Jahre alt. Sein Hamburger Premierenpublikum nahm das Werk freudig auf – Spanien war in Mode. In Göttingen nun erfolgte nicht die Aufführung der Oper, die Veranstalter hatten vielmehr Kompositionen aus der Zeit Händels zu „Almiras Liederbuch“ zusammengestellt. Interpretiert wurden sie von „Seconda Prat!ca“, einem Ensemble aus den Niederlanden, dass sich auf Alte Musik spezialisiert hat.

Die Zuhörer des Abends erlebten schon rein vom äußeren Klangraum zwei extreme „Stimmungsschwankungen“. Herrschte auf dem Wilhelmsplatz ein alltägliches urbanes Tongemisch, empfing sie im großen Festsaal des Universitätsgebäudes eine Musik, die Haltung, Glanz und innigste Gefühle ausdrückt. Dieses Streicheln der Töne, dieses Hinschwelgen in der Betonung, dieses feierliche Modulieren, dieses tiefe Sein und Verweilen im Klang ist das Beeindruckende dieser alten Musik und bildet den Unterschied zu einigen eher geist- und gefühlsarm unterhaltenden Musikstilen der heutigen Zeit. Das Außergewöhnliche an der Musik aus „Almira Liederbuch“ ist der getragene innere Ausdruck, der mit ihr möglich ist. Und den die Künstler wunderbar umzusetzen verstehen. Diese Perfektion, mehrstimmig oft, ist hohe Kunst. Hier muss freilich alles stimmen, jeder Ton. Jede kleine Ungenauigkeit fällt auf und kann nicht überspielt werden.

Herausgestiegen aus einer anderen Zeit

Das hervorragend eingespielte Ensemble nahm Besitz von diesem prächtigen Saal und füllte ihn mit Präsenz aus, die wie herausgestiegen schien aus einer anderen Zeit. Einer Zeit, die keine Handytöne kannte, kein Gedudel von Spielautomaten, keinen selbst nachts nicht verstummenden Lärmpegel aus Eile und logistischen Zwängen. Alles konnte Muße haben, auch die Leidenschaften und der Ausdruck, den sie im Menschen hervorrufen. „Ich sterbe, weil du nicht an den großen Schmerz glaubst, der mich überwältigt“, heißt es etwa in einem Lied von Juan Cornago (1400 bis 1475). Bei Sebastián Durón heißt es: „Vulkane der Liebe, ihr verbrennt mich, ich brenne! Feuer, Wasser, Hilfe, Gnade!“ Händel wiederum vertonte diese Zeilen: „Wenn mein Verlangen seinen Grund und seinen Ursprung darin hat, dass ich dir begegnet bin, so hoffe ich auf den Tag, da ich dich so sehr lieben kann, wie du es verdienst.“ Und: „Meine Augen erzählen dir in stummer Leidenschaft von Schmerzen ohne Klagen, in Worten ohne Stimme“. Der Letzte, der sich so ausdrücken konnte, war Pablo Neruda.

Die Sopranistin Olalla Alemán schwebte mit ihrer kraftvollen Stimme über allem und brachte das Leiden, das aus dem Lieben kommt, ausdrucksstark ans Licht. Wer sich dem hingeben konnte, erlebte eine mentale Erhebung.

Nur mit dem Klatschen gab es ein kleines Problem. Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Applaus im Laufe eines Liederabends? Nach mehreren zaghaften Ansätzen entlud sich dieses Bedürfnis nach dem achten Titel. Zum Schluss gab es lang anhaltenden Beifall und mehrere Zugaben.

Noch zwei Tage Händel-Festspiele

„Magische Saiten“ lautet das Motto der Händel-Festspiele, die am Sonntag, 26. Mai, enden. Unter anderem auf dem Programm ist Concerto di Margherita in der Albani-Kirche am Sonnabend, 25. Mai, ab 22.15 Uhr. In einer Matinee am Sonntag präsentieren Stefan Temmingh (Flöte) und Margret Köll (Harfe) im Jubiläumsstiftungskonzert „Lieder ohne Worte“ Arien und Lieder vom italienischen Früh‐ und Hochbarock bis hin zur Klassik in der Aula, Wilhelmsplatz 1, ab 11 Uhr. Für diese Veranstaltungen gibt es noch Karten unter www.haendel‐festspiele.de sowie in den Tageblatt-Geschäftsstellen, Weender Straße 44 in Göttingen und Marktstraße 9 in Duderstadt.

Interessant ist bei der Oper „Almira“ übrigens, dass Händel selbst nie in Spanien war und wohl auch nicht die spanische Musik seiner Zeit intensiv studiert haben dürfte. Er nahm sich des Klangs fast wie Karl May an, der niemals in Amerika weilte und doch mit seinen Erzählungen Sittengemälde einer fremden Welt zeichnete.

Von Ulrich Meinhard