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Regional Zitterbart eröffnet den „Clavier-Salon“ am Stumpfebiel
Nachrichten Kultur Regional Zitterbart eröffnet den „Clavier-Salon“ am Stumpfebiel
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16:49 29.03.2012
Der Pianist Gerrit Zitterbart: am Erard-Flügel von 1888, auf dem schon Gabriel Fauré gespielt hat.
Der Pianist Gerrit Zitterbart: am Erard-Flügel von 1888, auf dem schon Gabriel Fauré gespielt hat. Quelle: Vetter
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Göttingen

Der Saal ist hell, freundlich, nüchtern. Das Besondere an ihm ist nicht etwa die Innenarchitektur, sondern die instrumentale Bestückung. Und die dürfte nicht nur in Niedersachsen einmalig sein. Vier Flügel verschiedener Epochen der Musikgeschichte beherbergt der Raum, am Ende sollen es sieben sein. Alle sind sie nicht etwa Museumsstücke zum bloßen Anschauen, sondern spieltüchtig. Historisch reichen sie von der Mozart-Zeit bis zum späten Brahms.

Auf einem stilechten modernen Nachbau eines Hammerflügels von Anton Walter aus Wien aus dem Jahre 1795 eröffnet Zitterbart den Abend – mit dem C-Dur-Präludium aus Bachs Wohltemperiertem Klavier. Das macht deutlich, wie eng verwandt der Klang des Hammerflügels mit dem Cembaloklang ist: Die kleinen, mit Leder bezogenen Hämmer geben einen hellen, eher harten Ton. Er hat scharfe Konturen, und er ist in vielgriffigen Akkorden, wie Zitterbart anschließend an Mozarts B-Dur-Sonate KV 333 zeigt, ganz hell und transparent. Die harmonischen Kühnheiten des langsamen Satzes treten mit ungewohnter Deutlichkeit und Schärfe ans Ohr – man kann sich vorstellen, wie sie das Publikum des ausgehenden 18. Jahrhunderts schockiert haben.

Bass hat mehr Wucht

Auch Beethovens „Waldstein“-Sonate op. 53 ist noch für mit Leder bezogene Hämmer geschrieben. Am Neupert-Flügel nach Louis Dulcken (München 1815, im Bau ähnlich den Streicherschen Flügeln aus Wien) ist die Virtuosität, die Beethoven diesem Instrument auf den Leib geschrieben hat, faszinierend direkt. Der Diskant perlt so silbrig, als seien die Töne kurz vor dem Himmel angesiedelt, der Bass hat deutlich mehr Wucht als das Waltersche Instrument, ist aber noch auffallend transparent.

Ein Zeitsprung von knapp 70 Jahren: die drei Brahms-Intermezzi op. 117 aus dem Jahre 1890 auf einem Wiener Ehrbar-Flügel von 1882. Hier tönen die Bässe schon fast mit Posaunengewalt, weich und voll, samtener als zuvor. Würde man den Klang mit bildender Kunst vergleichen, wären wir gerade von der Grafik-Abteilung zu den Ölbildern gelangt. Am Schluss Chopin-Stücke – ein Prélude, zwei Walzer und die f-Moll-Fantaisie – auf einem Erard-Flügel von 1888. Die spezielle Art der Dämpfung lässt den Ton sanft verklingen, schneidet ihn nicht ab. Das ergibt wunderbar weiche Konturen.

Eines lehrt dieser Abend eindringlich: Wer nur moderne Instrumente hört, weiß gar nicht, wie viele Variationen der Klavierklang in seiner Geschichte erfahren hat. Und wie eng die Beziehungen der Komponisten zu ihren Instrumentenbauern gewesen sein müssen.
Das Programm ist noch einmal am Sonntag, 1. April, um 11 Uhr im Clavier-Salon, Stumpfebiel 4 in Göttingen, zu hören. Am Freitag, 30. März, gibt Heidrun Blase (Sopran) um 20 Uhr einen Liederabend, am Sonnabend, 31. März, gastiert um 20 Uhr das Abegg-Trio.

Von Michael Schäfer