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Regional Zutiefst bewegende Aufführung in Jacobikirche Göttingen
Nachrichten Kultur Regional Zutiefst bewegende Aufführung in Jacobikirche Göttingen
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13:32 25.02.2019
Ergreifende Darbietung: Kantor Stefan Kordes hatte die Sängerinnen und Sänger seiner Kantorei sehr sorgfältig auf die schwierigen Aufgaben vorbereitet. Quelle: Schäfer
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Göttingen

Die Hauptschwierigkeit ist Beethovens Unbarmherzigkeit im Umgang mit der menschlichen Stimme. „Die Sopranisten wenn sie das hohe b frey einsetzen müssen, mögen allerwege sehen, wie sie damit zu Stande kommen“, heißt es in einer auch heute noch sehr lesenswerten Rezension aus dem Jahr 1828, die im Programmheft der Aufführung abgedruckt war. Kantor Stefan Kordes hatte die Sängerinnen und Sänger seiner Kantorei sehr sorgfältig auf diese schwierigen Aufgaben vorbereitet.

Der Chorklang war homogen, die leicht veränderte Aufstellung mit dem Tenor vorn, den Altstimmen links und den Sopranen mittiger als üblich unterstützte hörbar die Ausgewogenheit der Stimmen. Die Einsätze waren fast durchweg präzise, die Artikulation so deutlich, dass der Text stets verständlich war. Zudem waren die Choristen derart trainiert, dass ihre Stimmen auch nach längeren Strecken mit großer Kraftentfaltung nicht überangestrengt klangen.

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Kraftvoller Jubel des Gloria

Das ist bei diesem Werk keineswegs selbstverständlich. Kraftvoll war der Jubel des Gloria, im Credo beeinträchtigten weder die hohen Soprantöne noch die schwierigen Intervallsprünge die Stabilität des Chorklangs.

Die vier Gesangssolisten hatte Kordes nicht vor, sondern hinter dem Orchester unmittelbar vor dem Chor platziert: Das kommt der von Beethoven allerorten intendierten Verschmelzung der Solostimmen mit dem Chorklang sehr entgegen. Diese Stelle im Altarraum ist offenbar auch die akustisch günstigste. Selbst gegen den vereinten Tuttiklang von Orchester und Chor konnten sich die Solostimmen durchsetzen.

Anna Dennis setzte Sopran-Glanzlichter

Das wiederum ist auch der Solistenauswahl zu danken, bei der Kordes eine ausgesprochen glückliche Hand bewies. Bewundernswert, mit welch kraftvoller Leichtigkeit Anna Dennis ihre strahlenden Sopran-Glanzlichter setzte. Neben ihr konnte sich Nicole Pieper mit ihrem volumenreichen Alt mühelos behaupten und verfügte auch in hohen Lagen über beachtliche Reserven. An Strahlkraft vermochte Clemens Löschmann mit seinen Kolleginnen problemlos gleichzuziehen.

Dass Henryk Böhm in den tiefsten Lagen nicht ganz so viel Volumen besitzt, war überhaupt kein Schönheitsfehler in der auch klangfarblich wunderbar harmonierenden Zusammenstellung dieses prächtigen Solistenquartetts.

Größte Präzision

Kordes justierte mit wachem Ohr die klangliche Ausgewogenheit zwischen den Vokal- und Instrumentalstimmen. Für den Orchesterpart hatte er die Jenaer Philharmonie engagiert, mit der er seit Längerem bestens zusammenarbeitet. Die Instrumentalisten erfüllten ihren Part mit größter Präzision und bemerkenswerter Ausdrucksdifferenzierung, Qualitäten, die im Preludio des Benedictus besonders wirkungskräftig hervortraten.

„Einem silberhellen Bächlein vergleichbar rieseln die süßen Melodien dahin“, hat der Rezensent von 1828 zum anschließenden Violinsolo im Benedictus bemerkt: Dafür hat Konzertmeisterin Donata Sailer mit ihrem expressiven, klangschönen Spiel ein Sonderlob verdient. Mit kluger Musikalität sorgte Kordes für eine durchdachte Dramaturgie. Die Spannung war nicht nur während der anderthalbstündigen Aufführung ungebrochen, sondern reichte noch bis über den Schlusston hinaus, sodass das Publikum erst nach einer langen Pause ergriffenen Schweigens in seinen begeisterten Beifall für diese tief bewegende Aufführung ausbrach.

Von Michael Schäfer