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Regional Zwei Perspektiven – von oben oder von unten gelesen
Nachrichten Kultur Regional Zwei Perspektiven – von oben oder von unten gelesen
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21:08 26.03.2012
Schriftsteller mit Hut: Mark Z. Danielewski im Literarischen Zentrum Göttingen.
Schriftsteller mit Hut: Mark Z. Danielewski im Literarischen Zentrum Göttingen. Quelle: Heller
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Göttingen

Das Buch des US-amerikanischen Schriftstellers ist mehr als nur eine Geschichte, der Abend mehr als nur eine Lesung. Auf einer Leinwand wechseln Bilder bekannter Roadmovies von „Bonnie und Clyde“ bis „Natural Born Killers“ sowie literarischer Paare wie Tristan und Isolde. „Das sind Bilder, die ich beim Schreiben im Kopf hatte“, erklärt Danielewski, der mit seinem braunen Kapuzenpulli und einem Hut wesentlich jünger als 44 Jahre aussieht. Sein zweiter Roman „Only Revolutions“, der bereits im Jahr 2006 auf Englisch erschienen ist, erzählt von dem Roadtrip zweier Teenager, Sam und Hailey, einmal aus seiner, einmal aus ihrer Perspektive. „Das Herz des Buches ist die Fahrt“, so der Autor, dessen graublaue Augen leidenschaftlich funkeln, wenn er vom Schreiben berichtet. „Es geht um das Freiheitsgefühl und darum, wie wir Freiheit erleben, wenn wir mit jemand anderem zusammen sind.“

Aber „Only Revolutions“ ist mehr als nur eine Geschichte. Die zwei Perspektiven streben aufeinander zu, treffen sich in der Mitte und driften dann wieder auseinander – nicht nur inhaltlich, auch visuell. Das Buch ist ein optischen Kunstwerk: Der Leser kann es von beiden Seiten beginnen, aus der Sicht von Hailey oder von Sam, die auf jeder Seite – von oben oder von unten gelesen – ihre Geschichte erzählen. Am Rand findet der Leser historische Marken, die die Weltgeschichte der Freiheit wiedergeben und den Leser zudem an seine persönliche Geschichte erinnern, wenn er beispielsweise bei seinem Geburtsjahr angelangt ist. Danielewski hat von Beginn an das Gesamtkunstwerk im Auge: „Jeden einzelnen Tag, an dem ich schreibe, denke ich schon über die Gestaltung nach.“

Die zwei Stunden der Lesung vergehen für die etwas 30 Zuhörer wie im Fluge. Die Textauszüge sind Videomitschnitte der Premiere in Berlin, gelesen von den jungen deutschen Schauspielern Florian Lukas und Josefine Preuß. Interessant sind aber auch die Anekdoten, die Danielewski aus seinem Leben erzählt – von den schwierigen Anfängen des Schriftsteller-Daseins bis hin zu Ausflügen auf ein Techno-Festival in der Wüste auf der Suche nach einer Antwort. Im Jahr 1990 schrieb er mit „Redwood“ sein erstes Manuskript, anschließend arbeitete er zehn Jahre an seinem Debütroman „House of Leaves“, der 2000 erschien und Kultstatus erlangte. Momentan plant der Autor eine 27-reihige Geschichte über ein zwölfjähriges Mädchen. Auch die stellt er dann hoffentlich wieder in Göttingen vor.