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Regional Zweimal ausverkaufte Lokhalle: Festival „Sacre du Printemps“
Nachrichten Kultur Regional Zweimal ausverkaufte Lokhalle: Festival „Sacre du Printemps“
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00:17 11.09.2013
Sie tanzt einen Krieg: Ufuoma Essi in Judith Karas Choreographie zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“. Quelle: Theodoro da Silva
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Göttingen

Das Besondere an diesem Projekt: Bei den Tänzern arbeiteten Profis zusammen mit Schülerinnen und Schülern. Diese kamen von der Albanischule, der Montessorischule, dem Max-Planck-Gymnasium aus Göttingen und von der Oberschule Groß Schneen sowie von der Göttinger Ballettschule art la danse, die von Judith Kara geleitet wird. Dazu waren Musikklassen der IGS und des Hainberg-Gymnasiums in das Projekt eingebunden.

Kampf statt Tod: Judith Karas Choreographie

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Noch kein Besucher hat den großen Raum in der Lokhalle betreten, in dem Sacre du printemps, das Festival für modernen Tanz und klassische Musik aufgeführt werden soll. Da beichtet Projektkoordinator Nils König schon eine Panne: für die Werkeinführung wurden zu wenig Stühle aufgebaut. Doch es wird die einzige Panne an diesem Abend bleiben. Zumindest die einzige, die auffällt.

In der Einführung erklärt Mitinitiatorin und Choreographin Judith Kara ihre Arbeitsweise. In der fünften Symphonie von Beethoven habe sie nicht jedes ludwigsche Schmankerl umgesetzt, erläutert sie. Es wird deutlich, dass weniger die bloße Wiederholung im Fokus der Göttinger Aufführung steht als Neuinterpretation und individuelle Herangehensweise.

Getanzt wird auf drei durch Lichtkegel definierten Bühnen. Meist simultan werden Bewegungen parallel geschaltet oder in Kontrast zueinander gesetzt. Kara nennt Schicksal als das übergeordnete Thema. Zur gleichen Zeit machen Tänzer der einen Bühne einen Schritt nach vorn, während auf der anderen Bühne ein Schritt nach hinten gegangen wird: Man kann das Schicksal annehmen oder verleugnen.

Dreiteilung der Bühne

Die Dreiteilung der Bühne wird den ganzen Abend aufrechterhalten. Diese Bühnen­situation führt dazu, dass der Zuschauer seine Konzentration nicht auf einen Punkt setzen kann. Immer wieder schweifen seine Blicke hin und her. Der Zuschauer ist damit kaum in der Lange, das Geschehen in Gänze zu erfassen, es ist ein Abend, bei dem sicher auch vieles übersehen wird. Doch genau dieser Punkt macht das Festival zu einem Schaustück individueller Wahrnehmung: Jeder Zuschauer sieht etwas anderes.

In der Werkeinführung zum zweiten Teil des Abends, Sacre du printemps von Strawinsky, liest Michael Schäfer aus der Autobiographie des Komponisten über den Inhalt des Balletts: „Alte weise Männer sitzen im Kreis und schauen dem Totentanz eines jungen Mädchens zu, das geopfert werden soll, um den Gott des Frühlings günstig zu stimmen.“ Doch die Choreographie in Göttingen mündet nicht in den Tod des Mädchens, sondern in einen persönlichen Kampf. Solistin Ufuoma Essi tanzt einen Krieg. Verpflichtungen und Erwartungen werden ihr aufgebürdet, sie droht unter dem Anforderungen anderer zu verschwinden. Doch sie unterwirft sich nicht, windet sich, streitet, überwältigt.

Unter den Solisten fällt der unterschiedliche Tanzduktus auf. Ayako Toyama tanzt aggressiv, Alexander Teutscher maßregelt und straft in tänzerischer Strenge. Als jüngste Solistin überzeugt die zehnjährige Moana Krewenka mit ihrer enormen Bühnenpräsenz.

Verbindung zu Sacre

Die Lokhalle als Veranstaltungsort verstärkt einen weiteren Bedeutungsansatz. Rostbraune Streben tragen die Halle, schlichte Industriearchitektur. Backsteinwände, Betonboden, riesige Flaschenzüge, die von der Decke hängen, Reste von Schienen durchziehen den Boden: dieser Ort ist ein Ort der Arbeit. Der Begriff Schicksal mag mit dem heutigen Verständnis der freien Jobwahl nicht leicht in Zusammenhang zu bringen sein, Arbeitslosigkeit aber schon.

Deutlicher wird die Verbindung zu Sacre: in einer Sequenz tanzen Schüler im weißen Hemd und mit Krawatte – eine Arbeitsuniform. Der Ballast, von dem sich die Hauptfigur mühsam befreien muss, stammt auch aus der Arbeitswelt. Das Ballett wird an dieser Stelle politisch, gegenwärtige Arbeitsmarktprobleme bekommen einen Platz. Sacre du printemps zeichnet auch ein Bild des herabgewürdigten Werktätigen – ein Problem der Leistungsgesellschaft, das jüngst im bekannt gewordenen Todesfall eines die Nächte durcharbeitenden Bankpraktikanten ein Opfer gefordert hat. Es bestätigt die traurige Wahrheit: das Sacre-Opfer ist ein reales.

Am Ende erhebt sich die Hauptfigur über alle fremden Anforderungen. Zumindest in der Göttinger Version ist sie nicht länger das Opfer.

Von Daniela Lottmann

Vor 1580 Zuschauern hat das Musik- und Tanzfestival „Sacre du Printemps“ am Freitagabend begonnen. © Theodoro da Silva

„Tanzreigen“: Kinder und Jugendliche aus sieben Schulen

„Warum macht ihr beim Sacre mit?“, fragt Judith Kara die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4c der Albani-Grundschule. Die Antworten reichen von „Weil ich die Musik sehr schön finde“ über „Weil Judith nett ist“ bis „Weil ich meinem Kuscheltier die Lokhalle zeigen kann“.

Vier Tanz- und zwei Musikklassen stellen sich am Sonnabend beim „Tanzreigen“ rund 500 interessierten Zuschauern im Foyer vor. Die Albani-Kinder spielen im Sacre mit ihren Kuscheltieren und zeigen damit, so Kara, das Kind „im eigenen und entfremdeten Kokon“. Zwei der sechs Schüler der Montessori-Schule fehlen an diesem Nachmittag. Doch die vier verbliebenen lassen mit ihren Statements erkennen, dass sie den Sinn des Tanzes verstanden haben. Fritz sagt: „Tanz kann alle Gefühle zeigen, Freude, Trauer, Angst und Wut.“ Maximilian ergänzt: „Ihr werdet die Magie spüren.“ 

Ballettschüler von „art la danse“ zeigen in einem Warm Up, wie schwierig selbst einfach scheinende Bewegungen sein können. Das macht deutlich, wie konzentriert auch die Oberschüler aus Groß Schneen und die Max-Planck-Gymnasiasten in ihren Tanzbeiträgen arbeiten müssen. Dazu führen die Bläserklassen von IGS und Hainberg-Gymnasium zusammen mit den GSO-Musikern eindrucksvoll ohne nennenswerte Pannen vor, wie viel sie in einem beziehungsweise zwei Jahren Unterricht bereits gelernt haben.

Von Michael Schäfer

„Tanzreigen“ beim Festival „Sacre du Printemps“ mit Kindern und Jugendlichen aus sieben Schulen. © Heller

Klänge, die süchtig machen

Zum Ballett gehören Tanz und Musik, sie bilden eine Einheit. Für die Musik war beim Festival „Sacre du Printemps“ das Göttinger Symphonie-Orchester zuständig, platziert auf einer geräumigen Bühne an der Längsseite der Lokhalle. Dass diese Halle die Orchesterklänge akustisch ein Stück distanzierter wirken lässt als ein Saal, dessen Wände und Decke auf die Schallreflexion ausgerichtet sind, war im ersten Augenblick vielleicht enttäuschend. Doch für den, der sich der Faszination der Musik öffnete, war das akustische Manko rasch vergessen.

Sehr präzise, sehr bündig und dramatisch zugespitzt war da Beethovens 5. Symphonie, auch in den raschesten Passagen klar konturiert, in den großen Steigerungen stets beherrscht. Doch dies war „nur“ ein Präludium zu Strawinskys „Sacre“, in dem die Instrumentalisten des GSO Höchstleistungen vollbrachten. Das startete gleich mit dem eröffnenden Fagottsolo, das man nur selten derart lyrisch, blühend im Ton und abgerundet in der Gestaltung hört. Und das setzte sich fort in wild sich aufbäumendenen Klang­eruptionen, in rasiermesserscharfen Akzenten, in dem geheimnisvoll dunklen Raunen der tiefen Bläser, den traumhaft sicher beherrschten Schichtungen unterschiedlicher Rhythmen und Tonarten. Einfach hinreißend.

Mueller hatte in seiner Werkeinführung erklärt, diese Musik habe ihn schon als Kind süchtig gemacht. Das dürften nach diesen beiden Abenden mit dem GSO in Hochform gut dreitausend Göttinger nachvollziehen können, keine Frage.

Von Michael Schäfer