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Regional Zwischen Farbenpracht, Exotik, Hunger und Aids
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18:26 09.09.2011
Umschlungen: Tänzer der Compagnie Heddy Maalem in „Black Spring“. Quelle: EF
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Etwas bieder sehen sie aus, ähnlich wie die drei Frauen in geblümten Kleidern, die dann die Bühne betreten. Doch es folgt der erste Kostümwechsel – und anschließend stecken die Damen in kurzen, engen Fähnchen, und auch die Herren zeigen Figur und viel nackte Haut. Das fröhlich-laszive Hüftkreisen und Powackeln kann beginnen, der Tanz ist eröffnet.

Black Spring“, schwarzer Frühling, hat Heddy Maalem seine Choreografie genannt, die jetzt bei Tanztheater International in Hannover ihre deutsche Erstaufführung hatte. Im Jahr 2000 wurde „Black Spring“ in Dakar im Senegal uraufgeführt; und es ist kaum zu glauben und nur schwer zu verstehen, dass und warum dieser tolle Abend bislang noch nicht in Deutschland zu sehen war. Extra für Tanztheater International, wo vor fünf Jahren schon Maalems eigenwillige „Sacre du Printemps“-Bearbeitung begeisterte, hat der Choreograf „Black Spring“ – mit teils neuer Besetzung – wieder einstudiert.

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Wie und mit welchen Auswirkungen afrikanische und europäische Kultur aufeinander reagieren, das interessiert den Choreografen, Sohn eines algerischen Vaters und einer französischen Mutter. Vor allem geht es bei Heddy Maalem, der hauptsächlich in Toulouse arbeitet, um die Frage, wie Europäer den Schwarzen Kontinent wahrnehmen, welche Klischees den Blick lenken und trüben.

Das ist auch das Thema von „Black Spring“. Die schwarzen Tänzer stammen aus Frankreich, Nigeria und dem Senegal. Sie zeigen Szenen, in denen die Zuschauer das „typische“ Afrika wiederzuerkennen meinen. Da gibt es erst fröhlich-sinnliches Herumgeflirte; dann dröhnt James Browns „Sex Machine“ aus den Boxen, und die Bewegungen der Tänzer werden zügellos und aggressiver. Bald darauf zeigt Maalems Compagnie traditionelle Tänze aus Nigeria.

„Would you like to see more African dance?“, fragt ein Tänzer das Publikum, und in der Orangerie antworten viele mit einem begeisterten „Ja“. Doch „Black Spring“ widersetzt sich dem Wunsch nach einem exotischen Tanzabend, sondern präsentiert Szenen, in denen die Tänzer wie in einem Trainingslager für Hochleistungssportler ihre Runden drehen müssen. Später zeigt die Compagnie ein Ausbildungscamp, in dem Soldaten das Exerzieren und Schießen lernen. Ein Tänzer fläzt sich zwischendurch machohaft und zugleich ungelenk in einer Schubkarre: ein Bild, wie man es ähnlich von Kindersoldaten schon oft gesehen hat. Doch auch dieses Bild dekonstruiert die Compagnie wieder. Afrika ist eben auch nicht nur der Kontinent der Kriege.

Viele Europäer nehmen nur die Extreme Afrikas wahr: Hunger, Aids, Kindersoldaten oder eben Farbenpracht und Exotik. Der große Zwischenraum, das zeigt „Black Spring“ humor- und kraftvoll, bleibt für viele ein dunkler Fleck.
Riesenapplaus.

Für das Festival-Finale mit Pierre Rigals „Compagnie dernière minute“ (Aufführung am heutigen Sonnabend um 19.30 Uhr in der Orangerie Herrenhausen) gibt es noch Restkarten. Infos unter www.tanztheater-international.de.

Von Martina Sulner