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Regional Zwischen Rausch und kaltem Erwachen
Nachrichten Kultur Regional Zwischen Rausch und kaltem Erwachen
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06:19 19.03.2012
Drei Tage leiden für eine halbe Stunde Spaß: „Ecstasy“ berichtet über die Erfahrungen mit Rausch und dem Alltag danach.
Drei Tage leiden für eine halbe Stunde Spaß: „Ecstasy“ berichtet über die Erfahrungen mit Rausch und dem Alltag danach. Quelle: Eulig
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Göttingen

Der Raum im Jungen Theater ist fast leer, die Zuschauer sitzen dicht gedrängt auf den Stufen am Rand. In der Mitte tanzen vier junge Schauspieler im Kunstnebel zu ohrenbetäubender Technomusik, die DJ Lena Dorn vom Göttinger DJ-Team „poly:amie“ live mixt. Grelles Stroboskoplicht blitzt in Sekundenschnelle durch den dunklen Raum und versetzt den Zuschauer nahezu in Trance. Dann plötzlich Stille – Ende des Rauschzustands. Felicity Grist, Franziska Beate Reincke, Gintas Jocius und León Schröder beginnen Geschichten aus dem Leben drogenabhängiger junger Menschen zu erzählen, erst einzeln dann wirr durcheinander: „Auf einmal spürst du deinen Körper wieder.“ „Was uns zusammenhält, sind Drogen.“ „Die Wirklichkeit ist monoton“. Eineinhalb Stunden wechseln sich Rausch und kaltes Erwachen ab – die Zuschauer sind mittendrin.

Das Projekt des Regisseurs Gernot Grünewald ist mehr als ein Theaterstück, es bezieht sich auf Recherchen in der Drogenszene, unter anderem durch das Treffen der Schauspieler mit Betroffenen. Herausgekommen ist dabei ein experimentelles Stück, das dem Publikum sowohl den Rauschzustand und den damit einhergehenden Realitätsverlust durch Ecstasy, Speed, LSD, Koks, Heroin oder Pilze als auch das anschließende Zurückfallen in die Wirklichkeit näher bringen möchte: Nachts Party, tagsüber Arbeitsalltag; Freundschaften, die sich über Drogen definieren und am Krankenbett enden; Sex mit völlig Fremden, ohne an HIV zu denken. Und dann die Erkenntnis eines ehemaligen Abhängigen: „Irgendwann hat es nichts mehr gebracht, für eine halbe Stunde Spaß drei Tage zu leiden.“

Der Zuschauer braucht an diesem Abend zumindest keine weiteren psychedelischen Hilfsmittel, um zeitweise in einen Rauschzustand zu geraten – die Live-Musik- und Lichtshow auf der minimalistisch ausgestatteten Bühne sorgt ohnehin dafür. Für zarte Ohren ist das Stück allerdings weniger empfehlenswert.

Nächste Vorstellungen am 20. und 29. März sowie am 7., 11., 19. und 24. April um 20 Uhr im Jungen Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Kartentelefon 05 51 / 49 50 15.

Von Noreen Hirschfeld