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Eurovision Song Contest „Es ist ein großes Elfmeterschießen“
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15:22 22.03.2015
Von Imre Grimm
Foto: Moderatorin Barbara Schöneberger und ESC-Vorentscheids-Kandidatin Ann Sophie bei der Probe am Mittwoch in Hannover.
Moderatorin Barbara Schöneberger und ESC-Vorentscheids-Kandidatin Ann Sophie bei der Probe am Mittwoch in Hannover.  Quelle: Peter Steffen/dpa
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Hannover

Da stand sie also in ihrem roten Hosenanzug mit dem Rücken zum Publikum. Sie wusste, dass das sexy aussieht, und sie genoss es. Gerade hatte Ann Sophie – 24 Jahre alt, in London geboren, in Hamburg aufgewachsen, in New York musikalisch ausgebildet – beim Clubkonzert Ende Februar in Hamburg die Wildcard für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen. Und nicht wenige im Publikum fragten, warum das Land heute überhaupt noch einen Vorentscheid braucht. Deckel drauf, Ann Sophie nach Wien – und fertig. Konfetti.

Aber die Spielregeln sind anders. Und so steht die Clubkonzert-Siegerin heute Abend bei der ARD-Show „Unser Song für Österreich“ in der TUI-Arena in Hannover unter besonderer Beobachtung. Kann sie das schaffen, was die Band Elaiza im vergangenen Jahr vormachte: als Neuling erst die Wildcard und dann auch gleich das Ticket für das ESC-Finale zu lösen?

Eier so groß wie Erbsen

„Ich hab' schon Eier“, sagte Ann Sophie am Mittwoch bei den Proben in der TUI-Arena. „Aber im Moment sind sie so groß wie Erbsen.“ Kommt denn der rote Hosenanzug wieder zum Einsatz? „Das hättet ihr gern, ne?“, sagt sie. „Wird nicht verraten.“ Das Clubkonzert ist als Sprungbrett für Neulinge gedacht, als Chance für einen absoluten No-Name-Act auf ein paar Minuten Ruhm zwischen den mittelgroßen Namen des Vorentscheids. Aber es bringt, wie sich zeigt, einen kaum zu überschätzenden Vorteil mit sich: Präsenz – oder wie die Fachwelt sagt: Airtime. Die zwei Wochen zwischen Clubkonzert und Vorentscheid gehören medial dem Wildcard-Sieger. Und die sieben Anderen haben es schwer, ein Momentum zu erzeugen, auf dessen Schwingen sie nach Österreich reisen. „Es gewinnt der, der die Leute emotional am meisten packt“, sagt Kandidatin Alexa Feser, Enkelin eines US-Jazzpianisten. „Das kann sogar von der Tagesform abhängen. Am Ende ist es ein großes Elfmeterschießen.“ 4500 Zuschauer sitzen in der Halle, sie ist damit – der besonderen Bühnengestaltung wegen – gut voll.

Zwei Songs pro Kandidat

Die ganz großen Namen fehlen im Feld der acht Kandidaten (und verhelfen, wie ein Blick in die ESC-Geschichte zeigt, ohnehin nicht automatisch zum Sieg). Jeder Künstler hat zwei Titel im Gepäck. Die stilistische Bandbreite ist groß. Aber der eine Song, der einem die Schuhe auszöge, ist nicht dabei. Solider deutschsprachiger Pop kommt von Alexa Feser, etwas geknödelter, eher altmodischer Bluesrock vom frisurell herausgeforderten „The Voice“-Sieger Andreas Kümmert, der am Mittwoch grippekrank darniederlag, heute aber auftreten kann. Spärisch-elektronischen New-Age-Bombast liefern die Berliner Produzenten Andreas John und Erik Macholl alias Fahrenhaidt, ebenfalls hoch gehandelt. „Wir sind geschockt, dass wir Favoriten sein sollen“, sagen beide.

Die anstrengend kostümierten, leicht verträumten Minnesänger der Mittelalterkapelle Faun sind in der Szene ein Knaller, außerhalb eher nicht so (Textbeispiel: „Wer einmal im Mondlicht tanzte / folgt den Trommeln“). Die erfrischende Frauencombo Laing – in Maßen bekannt seit ihrem Trude-Herr-Cover „Ich bin morgens immer müde“ – um Frontfrau Nicola Rost tritt mit einer Anatomie-Ode auf das menschliche Muskelsystem an („Zeig Deine Muskeln“) sowie mit der inoffiziellen Hymne zur EU-Energiesparlampendebatte an („Wechselt die Beleuchtung“). „Wir geben körperlich alles“, versprechen sie. Von musikalisch war am Mittwoch keine Rede.

Countrymusik vom Treppenabsatz

Klassischer Folkpop mit einem Schuss mädchenhaftem Wüstencountry kommt vom – privat und künstlerisch verbandelten - Duo Mrs. Greenbird alias Steffen Brückner und Sarah Nücken, das seinen Bandnamen von einer Vogeldame hat, die einst auf dem heimischen Treppenabsatz verendete. Wir erinnern uns: The Common Linnets aus Holland wurden 2014 in Kopenhagen mit dem ruhigen Countrysong „Calm After The Storm“ völlig zu Recht Zweite, Texas Lightning für Deutschland 2006 mit „No, No Never“ dagegen nur Fünfzehnte. Country ist riskant. Rave nach alter Väter Sitte liefert dagegen DJ Jewgeni „Jeff“ Grischbowski alias Noize Generation. Leider klingen beide Titel wie ein weißrussischer ESC-Beitrag von 1994. Grischbowski wohnt noch zu Hause unterm Dach und dröhnt seine Eltern im Coburger Dachkämmerchen mit Hammerbässen voll. „Aber die sind da tolerant.“

ESC feiert 60. Jubiläum

Zum 60. Mal geht in diesem Jahr das größte Musikspektakel der Welt über die Bühne. Zum Jubiläum darf – einmalig – erstmals auch Australien teilnehmen, das seit Jahrzehnten eine bizarre ESC-Begeisterung pflegt. 23 Beiträge stehen europaweit bisher fest. ARD-Kommentator Peter Urban sieht „viele melancholisch-düstere Damen, die allesamt Balladen singen. Ich bin etwas erschrocken“. 40 Länder sind dabei, darunter die Rückkehrer Zypern, Tschechien und Serbien. Zu den Besonderheiten gehört das Pärchen Michele Perniola und Anita Simoncini aus San Marino, zarte 15 und 16 Jahre alt, die Jüngsten, die beim ESC je antraten. Hoch gehandelt werden die drei jungen Tenöre von Il Volo aus Italien mit ihrem glutvollen Mix aus Kuschel und Klassik. Finnland tritt mit der national erfolgreichen Punkrockband Pertti Kurikan Nimipaivat an (zu deutsch: Immer muss ich) . Drei der Mitglieder haben das Down-Syndrom, einer ist Autist. „Ich denke, die Finnen nutzen das nicht als Vehikel zur Erzeugung von Aufmerksamkeit, ich seh's als edlen Zug“, sagt Urban. Und Deutschland? New-Age-Ökopop, Soul oder Country wird gewinnen. Darauf einen Hugo Spritz.

Der ESC-Vorentscheid in Hannover

Die ARD überträgt den ESC-Vorentscheid „Unser Song für Österreich“ aus Hannover am Donnerstag ab 20.15 Uhr live. Moderatorin ist Barbara Schöneberger, Kommentator Peter Urban. Eine Jury gibt es nicht, das Publikum entscheidet. Jeder Künstler tritt mit zwei Songs an. Musikalische Gäste sind Stefanie Heintzmann, Mark Forster und Conchita Wurst.