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Händel-Festspiele 2017 Blind Date mit Händel
Nachrichten Kultur Themen Händel-Festspiele Händel-Festspiele 2017 Blind Date mit Händel
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09:26 30.03.2017
Von Eduard Warda
Der Intendant der Händel-Festspiele, Tobias Wolff, Flötistin Dorothee Oberlinger, Autor Pierre Jarawan zu Gast und GT-Redakteurin Angela Brünjes im Händel-Talk-Gespräch.
Der Intendant der Händel-Festspiele, Tobias Wolff, Flötistin Dorothee Oberlinger, Autor Pierre Jarawan zu Gast und GT-Redakteurin Angela Brünjes im Händel-Talk-Gespräch. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Exklusiver Rahmen, exklusive Gäste: Beide, Oberlinger und Jarawan, sind anerkannte Größen ihres Faches, und rund 50 Gäste – Mitglieder der Händel-Gesellschaft und Tageblatt-Leser, die das große Los gezogen hatten – erhielten einen Eindruck von dem, was im Mai zu erwarten ist. Zum Beispiel eine Musik-Enthusiastin, die bei Händels Oper Lucio Cornelio Silla als Dirigentin die Verantwortung trägt und großer Fan der Blockflöte ist.

100 Flöten nennt Oberlinger ihr Eigen und befindet sich damit in bester Gesellschaft: Heinrich VIII. hatte ebenso viele und etwas mehr. Der König konnte sich allerdings nicht mit einer Plastikflöte in die Badewanne legen, so wie es Oberlinger schon einmal getan hat.

Die GT Townhall, die Veranstaltungsreihe des Göttinger Tageblattes, trifft die Internationalen Händel-Festspiele. Beim Händel-Talk waren am Mittwochabend im Tageblatt-Verlagsgebäude die Flötistin Dorothee Oberlinger und der Autor Pierre Jarawan zu Gast – die beide im Mai in Göttingen auftreten.

Ist die Flöte einmal rutschig, gibt es einen Trick – und der stammt von dem gebürtigen Schedener Flötisten Johann Joachim Quantz. Daran erinnerte Angela Brünjes, Tageblatt-Ressortleiterin Kultur, die zusammen mit dem Geschäftsführenden Intendanten der Händel-Festspiele, Tobias Wolff, die Moderation innehatte. „Einmal mit der Hand durch die Puderperücke streichen und sich selbst über den Mund fahren“, wusste Oberlinger – Prüfung bestanden.

Oberlinger und Jarawan bei den Händel-Festspielen

Mit Mandoline und Percussion: Pierre Jarawan tritt bei den Händel-Festspielen am Donnerstag, 18. Mai, mit Unterstützung des israelischen Mandolinisten Avi Avital auf. Außerdem wird er bei seiner Lesung von Murat Coskun am Percussion begleitet. Jarawan liest Auszüge aus seinem Roman „Am Ende bleiben die Zedern“. Der Aufführungsort verspricht eine ganz besondere Atmosphäre – das Biotechnikum der KWS Saat in Einbeck. Beginn ist um 20.30 Uhr, um 19.15 Uhr gibt es einen Bustransfer von der Stadthalle Göttingen.

Am Pult: Händels Lucio Cornelio Silla (Beginn am Sonnabend, 20. Mai, um 18 Uhr in der Stadthalle Göttingen) ist Dorothee Oberlingers Premierenstück als Operndirigentin. Ausgesucht hat sie sich ein Drama um einen skrupellosen und brutalen römischen Diktator, die selten gespielte Oper ist in einer halbszenischen Fassung mit barocken Kostümen zu erleben.

Tickets: Das komplette Programm gibt es unter gturl.de/Händel. Tickets sind erhältlich in den Tageblatt-Geschäftsstellen Göttingen, Weender Straße 44, und Duderstadt, Marktstraße 9. Kaum noch Karten gibt es für das „Sunrise!“-Konzert am Freitag, 26. Mai, um 5 Uhr am Seeburger See. „Händel goes Pub“ am 17. Mai im Irish Pub ist ausverkauft.

„Viele Sachen begegnen einem auf verschiedenen Levels im Leben wieder“, berichtete die Flötistin, und das gilt auch für den Poetry Slammer Jarawan, der zunächst einmal erklären musste, was darunter zu verstehen ist: Es gehe dabei um einen Dichter-Wettstreit vor Publikum. Auf seiner Homepage ist auch von einem Bühnenpoeten die Rede, und das ist der Münchener in jedem Fall. Die vorgetragenen Passagen aus seinem Erfolgsroman „Am Ende bleiben die Zedern“ stieß zu Recht auf große Begeisterung, denn Jarawan verfügt über ein hohes Maß an Fantasie und Sprachgewalt. „Ich merke, dass meine Sprache besser wird, wenn ich lese, aber oft habe ich keine Zeit, und das ist schade“, sagte Oberlinger – Musik ist ihr Leben, und wie zum Beweis brachte sie in der GT Townhall einige Händel-Werke zu Gehör. So zum Beispiel eine Sonate in F-Dur, eigentlich für die Orgel komponiert, vorgetragen einmal unverziert, einmal ornamental, um den Unterschied zu verdeutlichen. Zwei Künstler verschiedener Provenienz, nicht nur Gemeinsamkeiten. Mit Improvisation kennen sich aber beide aus, sei es, dass Jarawan einen Texthänger hat, sei es, dass Oberlinger bei einem Antrittskonzert das Flöten-Fußstück runterfiel. „Wenn ganz unten der letzte Ton fehlt, bringt einen das schon aus dem Konzept“, berichtete sie unter dem Gelächter der Gäste.

Den eigentlich Uninteressierten zur Musik Zugang zu verschaffen, gehört zu den Herausforderungen dieser Tage. „Crossover und neue Formate sind ja schön“, sagte Oberlinger, „aber die Musik darf dabei nicht hinten runterfallen“. Ideal sei, ergänzte Wolff, wenn es Rap gebe oder gar ein Blind Date zweier Künstler, es am Ende aber doch Händel sei. Das Schlusswort hatte Jarawan mit einem Slam über seine Leidenschaft: „Ich schreib‘s doch lieber als Text auf.“

Dorothee Oberlinger

Die 47-jährige Dorothee Oberlinger wurde in Aachen geboren und studierte Blockflöte in Köln, Amsterdam und Mailand. Der Durchbruch war für sie 1997 der erste Preis im internationalen Wettbewerb SRP/Moeck U.K. in London. Daraufhin konzertierte sie in der Londoner Wigmore Hall. In der Folge war sie regelmäßig zu Gast bei Festivals und Konzertreihen in Europa, Amerika und Asien. 2002 gründete sie das Ensemble 1700, außerdem spielte sie als Solistin mit renommierten Barockensembles wie der Musica Antiqua Köln, der Akademie für Alte Musik Berlin, London Baroque oder der Academy of Ancient Music.

Flötistin Dorothee Oberlinger Quelle: Hinzmann

2009 war sie an der Einspielung des Songs Takla Makan des Schweizer Pop-Duos Yello beteiligt. Seit 2004 ist Oberlinger Professorin am Mozarteum in Salzburg und leitet hier das Institut für Alte Musik. Seit 2009 ist sie Intendantin der Arolser Barockfestspiele. Den deutschen Musikpreis Klassik Echo erhielt sie 2015 bereits zum dritten Mal, als sie zusammen mit Vittorio Ghielmi in der Kategorie Kammermusikeinspielung des Jahres für die CD The Passion of Musick ausgezeichnet wurde. 2016 wurde sie außerdem zur Telemann-Botschafterin berufen. Im selben Jahr dirigierte sie beim Musikfestival „Tage Alter Musik“ in Herne die Oper Lucio Cornelio Silla von Georg Friedrich Händel, eine Koproduktion der Internationalen Händel-Festspiele in Göttingen.

Pierre Jarawan

Pierre Jarawan, geboren 1985 in Amman, Jordanien, bezeichnet sich selbst als „Autor, Slam Poet, Bühnenliterat, Veranstalter und Moderator“. Der Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter, die Mitte der 80er-Jahre vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Jordanien geflüchtet waren, kam im Alter von drei Jahren nach Deutschland und lebt in München. Von 2009 an trat er bei Poetry Slams auf, gewann mehrere Preise und zählt zu den erfolgreichsten Bühnenpoeten im deutschsprachigen Raum. So gewann er 2011 die Baden-Württembergische Landesmeisterschaft und wurde ein Jahr später internationaler deutschsprachiger Meister.

Autor Pierre Jarawan Quelle: Hinzmann

Seit 2013 moderiert er den Isar Slam, Münchens größten regelmäßigen Poetry Slam. Seine Bühnentexte veröffentlichte Jarawan 2011 unter dem Titel „Anders sein ist ganz normal“, 2016 folgte sein Romandebüt „Am Ende bleiben die Zedern“, für das er 2016 den Bayerischen Kunstförderpreis sowie den „AZ-Literaturstern des Jahres“ erhielt. Der Roman, der die Suche des Jungen Samir nach seinem verschwundenen Vater im Libanon beschreibt, stand darüber hinaus auf der Spiegel-Bestsellerliste. Momentan arbeitet Jarawan an seinem zweiten Roman.