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Händel-Festspiele 2017 Jan Philipp Reemtsma über Barthold Brockes
Nachrichten Kultur Themen Händel-Festspiele Händel-Festspiele 2017 Jan Philipp Reemtsma über Barthold Brockes
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15:22 26.05.2017
Von Michael Caspar
Jan Philipp Reemtsma Quelle: DPA
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Göttingen

Der Hamburger Ratsherr und Diplomat Brockes, so Reemtsma, gelte als Begründer der Naturlyrik. Fremd klängen heutigen Lesern die langen, detaillierten Naturbeschreibungen, führte der Hamburger Professor im voll besetzten Adam-von-Trott-Saal am Wilhelmsplatz aus. Die in den Gedichten häufigen Aufzählungen von Namen, etwa im Werk „Trost aus Blumen“ von 93 Tulpennamen, wirkten wie eine „Abschrift aus dem Botanikbuch“.

Den Beschreibungen der Natur, erläuterte Reemtsma, folgten jeweils Hinweise auf den Nutzen, den das Beschriebene für die Menschen habe. Schönheit und Nutzen seien für Brockes Hinweise auf „die ordnende Weisheit und Güte des Schöpfers“. Ihn preise er daher am Ende seiner Lyrik mit „frömmelnd anmutenden Anrufungen“ und „schwerfälligen Dankbarkeitsekstasen“.

Diese „textliche Zwangshandlungen“ ließen sich – ähnlich wie die direkte Anrede des Lesers – aus den Texten herauslösen, ohne das deren poetische Substanz Schaden nehme, betonte der Germanist. Eine Analyse der religiösen Ausführungen zeige, dass sie eher pantheistisch als christlich seien. Sie ständen „freidenkerischen Regungen“ nicht fern. Brockes habe zum Freundeskreis des Orientalisten Hermann Samuel Reimarus gehört, einem wichtigen Wegbereiter der Bibelkritik. Der Dichter habe öffentlich die Gleichwertigkeit aller Bekenntnisse betont.

Dass Brockes Lyrik Kritikern heute als „prosaisch“ und „armselig“ gelte, liege an einer historischen Umbildung der Lesegewohnheiten. Seit der Weimarer Klassik und der Romantik gehe es in der Naturlyrik nicht mehr um Beschreibungen, sondern um Stimmungen, um Empfindungen und um die symbolhafte Deutung der Natur. Im Vergleich zu Lyrikern dieser Strömungen erscheine Brockes als „platte Philisterseele“.