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Händel-Festspiele 2017 Vollbad in romantischen Harmonien
Nachrichten Kultur Themen Händel-Festspiele Händel-Festspiele 2017 Vollbad in romantischen Harmonien
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00:15 30.05.2017
Von Michael Schäfer
Homogener Klang: NDR-Chor unter Philipp Ahmann in der St.-Martini-Kiche Dransfeld. Quelle: Schäfer
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Dransfeld

Das Festspielmotto „Glaube und Zweifel“ spiegelte sich in dem Programm, das unterschiedliche christliche Auffassungen aufzeigte. Es begann ohne erkennbaren konfessionellen Bezug mit Mäntyjärvis Vertonung des 22. Psalms und reichte über russisch-orthodoxe Kirchenmusik (drei Sätze aus Tschaikowskys „Liturgischen Chören“) sowie Musik des römisch-katholischen Kulturkreises (Penderecki, Poulenc) bis zum Protestanten Brahms.

Doch ging es in erster Linie um Musik, nicht so sehr um theologische Unterschiede. Der Finne Jaako Mäntyjärvi (Jahrgang 1963) – er sagt von sich, er sei ein „eklektischer Traditionalist“ und nennt sich bescheiden einen „semi-professionellen Komponisten“ – hat den 22. Psalm sehr ausdrucksstark vertont. Das den Frauenstimmen zugewiesene, aus der Passionsgeschichte vertraute hebräische Zitat „Eli, Eli, lama asabtani“ entfaltet in seiner fünfmaligen Wiederkehr eine besonders eindringliche Wirkung.

Gegenüber diesen gemäßigt modernen Klängen erscheinen Tschaikowskys Liturgische Gesänge wie ein Vollbad in romantischen Harmonien. Hier wurde die Homogenität des Chorklangs – was bei einer vergleichsweise kleinen Besetzung von 16 Frauen- und 15 Männerstimmen keineswegs selbstverständlich ist – perfekt vorgeführt. Vor einem Jahr hat der NDR-Chor dieses klanglich opulente Werk auf CD herausgebracht.

In einer Rezension hieß es, es wirke, „als würde auf der Opernbühne eine Kirchenszene dargestellt“. Stimmt – und es fasziniert ungemein.Mit Krzysztof Pendereckis „Veni creator spiritus“ und Francis Poulencs Messe für achtstimmigen Chor hatte Ahmann zwei Prüfsteine der A-cappella-Literatur aufs Programm gesetzt.

Und auch wenn in der Poulenc-Messe minimale Spuren von Anstrengung zu erkennen waren: Das war allerhöchste vokale Kunst mit lupenreiner Intonationssicherheit, hochpräziser Artikulation, einem erstaunlich weiten Ambitus von den höchsten Sopranlagen bis in die untersten Kellergeschosse der Bässe und einem ungeheuer breiten Ausdrucksspektrum.

Johannes Brahms’ Motette „Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen“ rundete diesen kostbaren Abend ab. Lang anhaltender Beifall in der fast vollbesetzten Kirche, Fanny Hensels „Abend“ war die Zugabe.