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Hart am Wind „Am Anfang war die vage Vorstellung“
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21:57 07.05.2012
Theaterwerkstatt Göttingen BISSwert Quelle: Derben Thomas

Was war am schwierigsten bei der Bearbeitung von BISSwert?

Am schwierigsten wurde es nach der Probenphase, in der wir zunächst einmal nur am Text gearbeitet hatten. Wir hatten also die Story, die ja auch sehr bildreich und teilweise klischeehaft ist, übersetzt und sie analysiert, ungefähr festgelegt, an welchen Textstellen Anna F. die Geschichte erzählt und wo sie spielerisch reingeht - und dann überlegt, wie wir die Interaktionen mit dem Publikum, die ja immer wieder den Spielfluss unterbrechen, proben können. Wir hatten aber noch keinen Klassenraum. So haben wir dann zunächst eine andere Grundsituation, einen anderen Ort angenommen, der auf der Probebühne leichter herzustellen war, um uns der Geschichte unabhängig von der Klassensituation spielerisch zu nähern.

Was hat dir am besten bei der Bearbeitung gefallen?

Die Proben in der Schule. Das war, als wir den groben Entwurf unserer Inszenierung in verschiedenen Klassenräumen der Geschwister Scholl Schule (KGS), immer da wo gerade frei war, praktisch in einer Bühnensituation ausprobieren konnten. Dabei ergaben sich durch die Anordnung von Tischen und Stühlen sowie des Lehrerpults als zentralem Punkt immer wieder neue Spielsituationen. Das war ein sehr spannender Prozess, weil es auch Spaß machte, mit dem zu spielen, was an so einem Ort der klaren Regeln tabu ist, wie Anna sich darüber hinwegsetzt und diesen Raum erobert, die Orte ihrer Vergangenheit für kurze Zeit behauptet und ihre Geschichte dort ausbreitet. Wir haben Punkte festgelegt, an denen sie ihre Aktionen in jedem Klassenzimmer spielen kann. Und wir waren froh, für diese Herausforderung Lösungen gefunden zu haben.

Kam das Ergebnis bei dem Stück herraus, das du dir erhofft hattest?

Am Anfang hatten wir eine vage Vorstellung von einem Ergebnis, ich hatte viele Bilder, eine grobe Vorstellung von manchen Situationen. Von daher hatte ich mehr die Hoffnung, dass alle Vorbereitungen, die wir für den Probenprozess getroffen hatten, ausreichten, um ein gutes Stück über Mobbing und Wertschätzung in die Klassenzimmer zu bringen. Und die positiven Erfahrungen, die wir bisher mit den Aufführungen und dem Feedback der Schüler und der Lehrer machen, geben uns das Gefühl, dass wir mit unserer Inszenierung einen guten Weg gefunden haben.

Ich bin noch immer gespannt auf jede Vorstellung, bei der ich mitkommen kann, und sehe sie mir gerne an. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es andere Lösungen für die Umsetzung gibt. Dieses Stück wird in Österreich vom Wiener Klassenzimmertheater schon länger gespielt. Dessen Leiter Dana Csapo und Holger Schober sind auch die Autoren. Ich hätte es gerne mal in deren Inszenierung gesehen.

Wie lange habt ihr an dem Stück geprobt?

Wir haben in einem Zeitraum von ungefähr zwei Monaten geprobt: August bis Oktober letzten Jahres. Mit Unterbrechungen, weil wir zusätzlich Neubesetzungsproben mit unserem anderen Stück „Happy Hour“ hatten und Annika auch woanders probte.

Was macht einen guten Schauspieler deiner Meinung nach aus?

Das Kindertheater und Jugendtheater stellt andere Herausforderungen an Schauspieler als das Erwachsenentheater, das Publikum ist jünger, spontaner, reagiert direkter und stellt von daher eine andere Begegnung mit den Akteuren auf der Bühne her. Wichtig ist deshalb, dass die Spieler offen für Neues bleiben, z.B. dafür, was sie noch übers Spielen lernen können, auch wenn sie oder er schon lange dabei sind. Und auch, dass sie bis zur letzten Vorstellung neugierig auf ihre Figuren und das Stück, die Inszenierung sind. Letztendlich heißt schauspielern ja in allen Bereichen Menschen darstellen - wir zeigen auf der Bühne Ausschnitte von ihnen in dem Kontext eines bestimmten Handlungsgeschehens, es sind dennoch komplexe Charaktere, die wir selbst bei der Premiere noch nicht ganz kennen. Das gilt auch, wenn ein Kind oder ein Jugendliche bzw. eine Jugendliche dargestellt wird.

Von Julianna Leibold