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Hart am Wind Gastspiel des Jungen Schauspiels Hannover
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21:54 07.05.2012
Deportation Cast Quelle: Machado Rios
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Heute hier – und morgen abgeschoben

Deportation Cast“ ist ein Stück über eine typische Abschiebung. Abschiebung – das bedeutet, dass Menschen gezwungenermaßen wieder dahin verfrachtet werden, woher sie einmal kamen. Da ist es egal, wie lange sie schon in ihrer gewählten Heimat gelebt haben. Und es ist auch egal, wie sie sich in ihrer alten Heimat zurecht finden werden. Denn meist ist dieses Land ihnen längst fremd geworden, die Kinder kennen es vielleicht nicht mal. Sie sind Zigeuner – hier und dort. Überall. Und überall warten Probleme auf sie, mit denen sie kämpfen müssen. Doch nicht nur sie sind von der Abschiebung betroffen. Deswegen richtet sich das Licht in dem Stück nicht nur auf die Familie selbst, sondern auf verschiedene betroffene Personen, die alle etwas anderes zu erzählen haben.

Auf einmal ist alles anders

Vor nur wenigen Wochen saß Elvira noch in ihrer Schule in Deutschland. Nun ist sie mit ihrer ganzen Familie im Kosovo – ihrer alten Heimat, aus der ihre Familie damals geflohen ist. Elvira will zurück, ihr Freund Bruno will sie holen. Doch der hat selbst zu Hause genug Probleme. Dann ist da noch Egzon, Elviras kleiner Bruder. Er spricht nicht mehr, seit er mit vier Jahren etwas Schreckliches mit ansehen musste. Seither ist er gestört, behindert und vereinfacht Elviras Leben nicht gerade, da er ihr nicht von der Seite weicht. Elviras Eltern liegen im Streit, ihr großer Bruder lässt sich nie blicken. Sie alle sind Diskriminierungen ausgesetzt; sind auch in diesem Land Fremde. Dann findet Bruno heraus, dass sein Vater den Abschiebungsflug von Elvira gesteuert hat. Doch liegt die Schuld wirklich bei ihm? Oder ist der Anwalt oder die Sachbearbeiterin schuld?

Es geht uns alle etwas an

Geschrieben wurde „Deportation Cast“ von Björn Bicker, aufgeführt wurde es vom Jungen Schauspiel Hannover. Die Leistung der vier Schauspieler ist durchgehend beeindruckend, denn es sind schnelle Rollenwechsel gefragt, welche den Schauspielern sehr gut gelingen. So wird aus dem gestörten Egzon innerhalb von Sekunden ein aalglatter Arzt. Teilweise sind die Darbietungen etwas zu emotionslos; allerdings wurde im Nachgespräch klar, dass dies gewollt ist, um eine Distanz zum Publikum zu schaffen, damit dieses nicht zu stark von Emotionen beeinflusst wird. Die schnellen Wechsel kann man durch eine Anzeigetafel über der Bühne gut verfolgen, da diese Informationen über die Person und den Ort gibt. Weiterhin werden die Wechsel passend mit Musik und Licht unterlegt. Da die meisten Monologe der Schauspieler am Bühnenrand zum Publikum stattfinden, wird eine gewisse Nähe aufgebaut; man fühlt sich direkt angesprochen.

Eine Stelle gibt es jedoch, die sehr verwirrend ist: Der Schauspieler Wolf List schnappt sich das Sofa und beginnt damit herumzurennen, sodass es in Einzelteile zerfällt, die alle mit einem Seil verbunden sind, welches er zieht. Er läuft zum Bühnenrand, alle anderen Schauspieler kommen angerannt und beginnen, sich so viele Jacken wie möglich anzuziehen. Danach probieren sie, den kleinen Hang zur Bühne hochzuklettern und rutschen immer wieder runter. Weder mir noch meinen Freunden hat sich der Sinn dieser Szene bisher erschlossen. Insgesamt jedoch lässt sich sagen, dass es sich lohnt, sich dieses Stück anzusehen, denn das Thema Abschiebung geht jeden etwas an. Und „Deportation Cast“ zeigt auf eine schon beinahe dokumentarische Art und Weise die Konflikte bei diesem Thema auf. Weiterhin wird man selbst angesprochen und zum Nachdenken angeregt; besonders deswegen, weil das Stück auf einer wahren Geschichte beruht.

Von Lena Bolz