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Hart am Wind „Identifikation nicht erwünscht“
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21:49 07.05.2012
Quelle: Machado Rios
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Was halten Sie selbst von dem Thema „Abschiebung“?

Elizabeth: Das ist eine riesige Frage. Schwieriges Thema, weil es eigentlich keine Lösung gibt, außer, dass ich sehr gegen Abschiebung bin. Wie man das handhabt, wer aufgenommen werden sollte – das ist auch kompliziert. Es sind auch viele verschiedene Fälle, da es auch sehr entscheidend ist, woher die Leute kommen. Wie dort die Situation ist, ob wir das beurteilen können. Da müsste man konkreter schauen.

Wie lange hat die Arbeit am Stück gedauert?

Abak: Wir haben sechs Wochen geprobt. Der Autor (Björn Bicker) hat sehr viel recherchiert, es ist ein Thema, das ihm sehr am Herzen liegt. Aber vor allem muss man bei diesem Stück beachten, dass die Vorarbeit enorm war. Der Autor hat die Roma-Familie, von der das Stück erzählt, kennengelernt.

Wolf: Der Autor kommt aus München, im Kosovo ist er nicht gewesen, aber er hat die Familie bis zur Abschiebung begleitet. Es gibt einen Dokumentarfilm über die Familie. Die Traumatisierung des Sohnes ist auch authentisch. Im Dokumentarfilm wird das alles beschrieben, auch wie die Familie dort im Kosovo ankommt. Es wird thematisiert, wie isoliert und apathisch die Familie bei der Ankunft ist. Was dann im Stück weiter passiert, ist erfunden.

Der Autor war für die Recherche auch bei den für Abschiebung zuständigen Behörden in Deutschland.

Konnten Sie sich mit Ihrer Rolle identifizieren?

Wolf: Das war nicht die Aufgabe, sich zu identifizieren. Wir haben in diesem Stück, es heißt ja „Deportation Cast“, eine Cast-Situation für den Schauspieler. Der Trick des Autors ist, dass der Schauspieler schnell die nächste Rolle ergreift und damit versucht, das Statement der Figur abzugeben. Ich kann nicht den Anwalt als böse behaupten, ich muss ja in diesem Moment für die Figur werben und für ihre Argumente. Das finde ich ist auch die Stärke des Stückes, dass die Figuren argumentativ gegriffen sind. Die Mechanik der Sache ist, dass man die Szene macht und sofort wieder in die andere switcht. Das heißt, die Identifikation ist eigentlich sehr schwierig, sie soll auch für den Zuschauer nicht stattfinden, sondern es soll auf das Thema gelenkt werden. Außer, dass die Erzählhaltung des traumatisierten Jungen eine Identifikation ermöglichen kann. Dadurch, dass es eine Erzählhaltung ist, ist es auch gleichzeitig eine Distanz. Das war dem Autor sehr wichtig, sonst hätte man ein Drama schreiben können. Das soll es ja nicht sein.

Die Beweggründe, die Wünsche, die Probleme, die diese Figuren haben, sind zutiefst menschlich und jedem von uns nicht fern, sie sind existenzielle Bedürfnisse, die jeder von uns kennt. Darüber ist eine Nähe zu den Figuren gegeben.

Durch die kurzen und schnellen Schnitte ist das Ganze wie ein Cast aufgebaut - welche Figuren, welche Zutaten sozusagen, brauche ich, um den Komplex Abschiebung zu beschreiben und erfahrbar zu machen. Dabei kann es nicht darum gehen, eine Identifikation mit einer Figur oder einen durchgängigen dramaturgischen Bogen zu haben.

Von Michael Soller