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Hart am Wind „Krieg - der Schmerz kommt zurück“
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21:37 07.05.2012
Krieg von Andreas Tamme Quelle: EF
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Der erste Eindruck vom Bühnenbild war eine durch einen Käfig hergestellte, trostlose Umgebung, die mal einen Highschool-Hof, mal eine Straße des armen Viertels in der Vorstadt andeutet, in dem sich die traurig-brutale Geschichte von Andy (Gregor Müller), Shane (Thorsten Dara), Tommy (Fabian M. Kloiber) und Brad (Heiner Junghans) abspielt. Der Käfig spiegelt auch die Handlung, denn Shane, die Schlüsselfigur, sagt, dass man aus dem Gangleben nicht so einfach aussteigen kann. Die Protagonisten tauchen oft wie aus dem Nichts auf, treffen sich dort, kämpfen und agieren miteinander - die Wände des Käfigs sind hart, fordern zum Klettern auf, zum Bezwingen heraus. Die Musik und die grobe Sprache unterstützen die Härte und Trostlosigkeit der Story.

Andy, der eigentlich Schauspieler werden will, der den Krebstod seines Vaters nicht überwunden hat und dessen Mutter depressiv ist, klammert sich an einen letzten Satz seines Vater: „Sei ein Mann.“ Er kommt in diese Gangstruktur, in der jeder mit sich selbst und mit dem anderen im Krieg ist, um etwas zu erleben. Er versteht zwar nicht, was eine Gang ist, will da aber unbedingt mitmachen. Denn nachdem er von Tommy und Brad verprügelt und gedemütigt wurde, begreift er, dass man selber stark sein, selber kämpfen muss.

Er wird von dem fast erwachsenen Shane gerettet. Der war früher bei den Dragons, die äußerst brutal und kriminell ganze Stadtteile kontrollierten, eine große Nummer. Shane, der in Andy seinen toten Bruder sieht, wird für diesen zum Vorbild. Obwohl er dem Gangleben abgeschworen hat, lässt er sich überreden, Andy für den Kampf zu trainieren, angeblich für eine Rolle im Film, wo Andy einen harten Kerl einer Gang spielen soll. Andys Beispiel ist ein typischer Einstieg in das Gangleben, das vor allem Zusammenhalt und Schutz bedeutet, indem es nach eigenen Gesetzen läuft, die streng, erbarmungslos und brutal eingehalten werden.

Durch die Freundschaft mit Shane wendet sich das Blatt für Andy, und auch für Brad und Tommy, die ihn zuvor gedemütigt hatten.

Tommy, der hoch aggressiv wirkt und Militärfanatiker ist, will als Kampfpilot ausgebildet werden und in den Krieg ziehen. Sein Traum ist es, zu fliegen, sich von der Welt abzusetzen. Für ihn ist Andy ein normaler Schuljunge, der den Fehler gemacht hat, mit seiner Freundin Sheila bekannt zu sein, der ansonsten ein Weichei ist. Tommy ist eigentlich ein Mitläufer, abhängig von Brad, dem Kraftmenschen, dem harten Eishockeyspieler, der gewohnt ist, aufs Ganze zu gehen. Brad versucht, Tommy fester und stärker zu machen, indem er ihn trainiert. Doch als Brad von seinem Club fallengelassen wird, weil eine andere geschmeidigere Taktik gefordert wird, kommt er mit der Enttäuschung nicht klar. Als er Tommy angeblich für einen Eignungstest als Pilot trainiert, stachelt er ihn mit gemeinen Behauptungen, er hätte mit Sheila Sex gehabt, an, diese zu besuchen. Tommy will von Sheila die Wahrheit wissen, glaubt ihr nicht, vergewaltigt sie und muss in den Knast.

Brad versucht, sich Andy unterzuordnen und wird von diesem gedemütigt und abgewiesen.

Shane, der geheimnisvolle etwas ältere Dragon, stellt sich am Ende unter Tränen den drängenden Fragen Andys nach seinem Bruder, erzählt von dem dramatischen Tod durch eine Messerstecherei mit einem Jungen. Er sagt Andy, dass aller Schmerz, den man anderen zugefügt hat, zu einem selbst irgendwann zurückkommt, dann zeigt er Andy, dass er verwundet ist und stirbt im Krankenhaus. Am Ende des Stücks sieht man den Bruch zwischen Brad und Tommy - Tommy ist total allein und sieht Brad als Schuldigen, Brad hat keine Kontrolle mehr über ihn.

Andy ist am Ziel seines Weges angekommen, er gibt Shanes Tod bekannt, trägt seine Jacke, fühlt sich als „Real“, zielt mit der Hand ins Publikum, markiert einen Schuss und ruft: „Ich hab die Rolle.“ Vielleicht meint er damit, dass wir alle als Menschen so etwas erleben und uns gegenseitig abknallen.

Die Schauspieler brachten die Charaktere punktgenau und wirklichkeitsnah auf die Bühne. Das Spiel war sehr real, man konnte auch die Ängste und Schwächen der einzelnen Figuren gut nachvollziehen. Besonders Thorsten Dara konnte man die psychischen Probleme seiner Figur Shane gut abnehmen.

Sabine Bahnsens Inszenierung des Stückes „Krieg“ von Dennis Foon weist starke Parallelen zu unserer Gesellschaft auf, da es um Rangordnung, Schutz, Fehler und starke Probleme von Schwachen geht. Aus meiner Sicht wird die Grundlage gezeigt, auf der Jugendliche einen Weg suchen, um nach eigenen Regeln ihre Problemen zu lösen und nicht unterzugehen. Die Inszenierung gibt reichlich Stoff für Überlegungen, wie Jugendliche in solchen Gangs mit sich und anderen umgehen. Es sollte einen Denkanstoß dafür geben, was passieren kann, wenn man sich auf eine Gang einlässt und dafür, was die Realität ist. In diesen Zusammenhängen gibt es weder Menschlichkeit noch soziale Überlegungen, Frauen sind wie Trophäen, um die man mit Fäusten kämpfen muss.

Einziges Gesetz ist das Recht des Stärkeren, was man aber auch für unsere Gesellschaft heute sagen kann. Denn das Faustrecht ist auf andere Weise sehr stark in ihr verankert. Der angedeutete Schuss am Ende weist auf so eine Botschaft des Stücks.

Die Inszenierung war in Lüneburg sehr erfolgreich und auch in Göttingen hat sie die jugendlichen Zuschauer sehr berührt.

Von Caspar Roman Derben