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Hart am Wind Über die Grenze ist es nur ein Schritt
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Schauspieler: Patrick Abozen und Janna Lena Koch. Quelle: Opitz
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Wie seid ihr dazu gekommen, in dem Theaterstück " Über die Grenze ist es nur ein Schritt" mitzuspielen?

Janna: Also, bei mir lässt sich das ganz einfach erklären: Ich war da noch in der Schauspielausbildung, als der Schulleiter mit dem Angebot eines Vorsprechens für ein Theaterstück kam. Er meinte, dass ich da ganz gut reinpassen würde. Nachdem das Vorsprechen mir auch noch echt Spaß gemacht hat und ich das Thema auch interessant fand, war es für mich eigentlich schon klar.

Patrick: Bei mir war es eigentlich sehr ähnlich. Also ich war sehr hungrig auf Theaterspielen und habe durch eine Freundin, die am jungen Schauspielhaus gespielt hat, mitbekommen, dass ein dunkelhäutiger Schauspieler gesucht wird. Sie hat mir dann empfohlen, da einfach mal hinzugehen und was sie mir über das Stück erzählt hat, hat mich auch sehr interessiert. Und dann bin ich genau wie Janna zum Vorsprechen gegangen.

Wurdet ihr selbst schon mal mit dem Thema "Abschiebung" konfrontiert?

Janna: Nein! Also, wir haben eine dicke Infomappe gekriegt und das musste ich mir alles richtig gut durchlesen, weil ich keine Ahnung hatte. Ich wusste natürlich, dass es diese Probleme gibt, aber ich habe mich einfach nicht damit befasst.

Patrick: Also bei mir war es so, dass ich schon ein paar Leute kannte, die abgeschoben wurden. Gerade in dem Stadtteil, wo ich aufgewachsen bin, was ein sozial schwächerer Stadtteil ist, in dem viele Menschen mit Migrationshintergrund leben. Aber ich hatte weniger Ahnung, als ich dachte. Das ist mir aufgefallen, als ich das Stück und die Infos gelesen habe. Aber zur Frage noch mal, ich habe zwei Freunde, die abgeschoben wurden.

Was hat euch an dem Stück oder an eurer Rolle besonders berührt?

Janna: Melle hat einfach wahnsinnige Probleme, ihren richtigen Halt im Leben zu finden und dann findet sie in Dede und seiner Familie diesen unglaublichen Halt und merkt, dass sie ein starkes Helfersyndrom hat.

Patrick: Ich finde, dass Dede ein Kämpfer ist. Ich finde es interessant, wie er damit klarkommen muss, eigentlich als Schattenmensch in dieser Gesellschaft zu leben. Er hat dauerhaft Druck und ist immer rastlos, also er hat nie das Gefühl, angekommen zu sein, sondern weiß: Er ist immer nur auf der Durchreise und es könnte jeden Tag zu Ende sein. Dabei wünscht er sich so sehr, endlich eine Heimat zu finden. Genau wie Melle, nur in einer anderen Form. Das fand ich am spannendsten.

Janna: Das ist eben so eine schöne Kombination, weil beide völlig unterschiedliche Familien haben, ganz andere Geschichten und trotzdem das gleiche Thema.

Ihr spielt ja in einem Bus und das ist eigentlich kein typischer Spielort. Wie ist es, dort zu spielen?

Patrick: Spannend! Das Spielgefühl ist jedes Mal anders. Das Publikum hat so einen großen Einfluss auf dieses Stück, weil es so nah dran ist. Jedes Mal erzählst du die Geschichte anders, weil du jedes Mal jemand anderes hast, an den du sie sendest. Und du merkst alles in diesem Bus, weil es so nah ist. Du musst hoch konzentriert sein, weil dir das Publikum direkt in die Augen schaut und merkt, wenn du unkonzentriert bist oder etwas sagst, wo du nicht selber hinter stehst.

Janna: Ja, durch diese Nähe spielen die Zuschauer mit, sie gehören dazu. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass alles möglichst real ist und dann sind sie auch wirklich da und werden mit einbezogen.

Wieweit werden sie denn mit einbezogen?

Patrick: Sie werden immer wieder angesprochen und zeigen daraufhin kleine Reaktionen.

Janna: Einige Zuschauer, vor allem Schüler, gehen auch mit und sagen einfach was dazu.

Ihr seid als Schauspieler nur zu zweit, es gibt aber viel mehr Rollen in dem Stück. Was ist denn die Schwierigkeit daran, mehrere Rollen zu spielen?

Janna: Also, ich spiele ja Melle, und sie spielt sozusagen die anderen Figuren nach. Irgendwie hat mir das die Verantwortung genommen. Ich dachte z.B.: Wieso? Melle spielt das halt so, lass sie doch. Ich spiele Dedes kleine Schwester, eine Beamtin und die afrikanische Mutter. Die kleine Schwester und die Beamtin zu spielen, ging total gut, aber bei der afrikanischen Mutter habe ich sehr lange gesucht. Weil das alles so fern von mir ist. Ich kannte das Familienleben überhaupt nicht und habe auch keine Freunde, bei denen ich das mitbekommen habe. Für diese Rolle habe ich lange gebraucht, aber jetzt klappt es schon ganz gut.

Patrick: Ich liebe das Switchen. Es ist ja eigentlich nicht der Schauspieler sondern Dede, der die Geschichte erzählt. Dede ist kein Schauspieler, hat aber Interesse daran, die Personen darzustellen im Rückblick und sich da reinzusteigern. Als Schauspieler hat man denselben Ansatz wie Dede, versucht, die Szene darzustellen und springt dann wirklich ab einem gewissen Moment in die Situation, als ob man wirklich so einen Rückblick sieht.

Janna: Ja, man flutscht dann da so rein und dann geht es sehr gut.

Wie lange spielt ihr schon Theater?

Janna: Also ich habe ja jetzt gerade meine Schauspielausbildung fertig und habe davor schon meine Musicalausbildung gemacht. In der Zeit hatte ich aber auch schon ein Theaterengagement. Das alles zusammen wäre dann seit 2006. Im Endeffekt habe ich die Schauspielschule erst 2009 angefangen und in diesem Rahmen ist dieses Theaterstück das erste richtige Projekt mit dem Jungen Schauspielhaus.

Patrick: Bei mir hat die Schauspielschule 2006 begonnen und das war mein erster Zugang zum Theater. Gedreht habe ich vorher schon.

Wie seid ihr dazu gekommen, Theater zum eigenen Beruf zu machen?

Janna: Das war bei mir ein ganz komplizierter Weg. Ich wollte zuerst Tänzerin werden und hatte dann eine Verletzung, mit der ich aussetzten musste. Dann bin ich in die Richtung Musical gerutscht, weil das auch sehr viel mit Tanzen zu tun hatte. Dabei kam auch das Schauspiel dazu. Nach einiger Zeit ging mir das Musical-Zeug total auf den Geist. Dann habe ich eine Pause gemacht und als Regieassistentin gearbeitet.

Da habe ich dann richtig geschnallt: Das ist es – das, was die auf der Bühne da machen.

Patrick: Ich hatte gar nicht vor, Theater zu spielen, aber ich habe das Interesse für Schauspiel immer mit mir getragen. Durch Gespräche mit einer Regisseurin habe ich mich entschieden auf eine Schauspielschule zu gehen, weil sie sagte: „Mach es als Profession“ und dass eine Schule mir gut tun würde. Daraufhin habe ich mich informiert und beworben. Dann bin auf eine Schauspielschule gekommen und somit auch zum Theater.

Was gefällt euch am Theaterspielen?

Janna: Es ist total interessant, sich in andere Menschen hinein zu versetzen und sie zu verkörpern. Bei mir ist es auch gerade Theater und nicht Film, da ich Publikum brauche. Theaterspielen ist für mich eine Leidenschaft.

Patrick: Alles. Ich liebe das. Einfach, dass du dich immer mit Menschen beschäftigen musst. Dazu bin ich gerne ein Darsteller und stehe gerne auf der Bühne und auch im Mittelpunkt. Außerdem interessiere ich mich auch für Charaktere, für Menschen, die anders denken. Man lernt etwas für das Leben und somit auch für sich selbst. Das finde ich spannend.

Was soll das Stück ausdrücken?

Patrick: Es spiegelt das Thema Abschiebung wieder und bringt die Zuschauer zum Nachdenken. Dede sagt viele Sätze im Stück, die schon einiges aussagen. Zum Beispiel wenn er darüber spricht, dass er nicht versteht, warum er nicht bleiben darf und abgeschoben wird. Was berechtigt die Leute zu sagen: Er darf nicht in seiner Heimat, in der er aufgewachsen ist, bleiben? Es soll den Menschen bewusst machen, wie viele Leute kämpfen müssen.

Janna: Ja... und das Stück endet auch sehr offen und man fragt sich ob Dede nun abgeschoben wird. Dann kommt die Fantasie der Zuschauer.

Patrick: Selbst in der letzten Szene weiß man nicht, ob Dede es schafft, zu seiner Schwester zu kommen, da jede 5 Meter irgendetwas passieren könnte. Alles bleibt offen und das ist auch wichtig, dass es offen bleibt, weil es keine Lösung gibt.

Janna: Es gibt auch wirklich keine Lösung.