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Kultur „Vor dem Abriss“ begeistert gefeiert
Nachrichten Kultur „Vor dem Abriss“ begeistert gefeiert
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15:00 23.02.2019
Natalia (Christina Rohde/l.) und Priscilla (Agnes Giese) mit dem verschollenen Textbuch. Quelle: Heise
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Göttingen

Das Regiedebüt von Victoria Valerie Montero am Jungen Theater in Göttingen ist geglückt. Die Premiere von „Vor dem Abriss“ von José Sanchis Sinisterra wurde am Freitagabend mit lang anhaltendem Beifall gefeiert.

Die drittletzte Premiere in der Spielzeit 2018/19 erlebten Besucher des Jungen Theaters, denn dann zieht es vorübergehend in die ehemalige Voigtschule am Wall. Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen stehen in der Hospitalstraße an. Um Sanierung und Umzug auch thematisch aufzugreifen, wurde das Stück mit dem Originaltitel „El Cerco de Leningrado –Historia sin final) in den Spielplan aufgenommen.

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Textbuch verschwunden

Spanien zur Zeit der Franco-Diktatur: Von dem ehemaligen Theater stehen nur noch die Grundmauern, das Innere ist in einem desolaten Zustand. Betrieb herrscht dort schon lange nicht mehr, am liebsten würde man es abreißen. Doch neben kleinen vierbeinigen Bewohnern, die sich nur erahnen, nicht aber sehen lassen, leben dort noch Priscilla (Agnes Giese) und Natalia (Christina Rohde). Priscilla ist die Witwe des ehemaligen Theaterdirektors. Als dieser ein regimekritisches Stück aufführen möchte, bezahlt er dies mit seinem Leben, verunglückt tödlich. An einen Zufall möchte so recht niemand glauben, die Befürchtungen offen aussprechen aber auch nicht.

Das Theater wurde anschließend geschlossen, das Ensemble ist in alle Winde zerstreut und das Textbuch verschwunden. Aber geblieben sind die beiden Frauen, die sich verbarrikadiert haben und in einer sehr komplizierten Beziehung zueinander stehen. Denn Natalia ist die ehemalige Geliebte des toten Direktors. Nestor, „schneidig war er ja“, wie Natalia mit verklärtem Blick sagt, ist in einer Urne immer dabei.

Noch Jahre nach seinem Ableben steht die alte Rivalität zwischen den beiden, die nicht richtig miteinander, aber noch weniger ohne den anderen können. Priscilla mimt die Starke, die Überlegene, die häufig nur ein müdes Lächeln für ihre mal mehr mal weniger verhuscht wirkende Rivalin/Freundin/Mitstreiterin übrig hat.

Rettung des Theaters ist das Ziel

Doch so naiv und schwach Natalia auch wirken mag, sie war damals die Schauspielerin mit den Hauptrollen, die sich feiern ließ, der die Männer zu Füßen lagen. Und dies lässt sie Priscilla immer wieder spüren, bohrt den Stachel der Eifersucht tief ins Fleisch.

Die beiden unterschiedlichen Frauen streiten sich, bekämpfen sich, erleben dann aber auch Momente der Nähe. Sie wissen es eigentlich, wollen es aber nicht wahrhaben: Sie brauchen sich dringend. Schon allein im Hinblick auf die Rettung des Theaters, denn die haben sie gedanklich längst noch nicht aufgegeben. Aber dazu benötigen sie unbedingt das verschollene, hochbrisante Stück, das sie endlich aufführen wollen, um das Theater zu neuem Leben zu erwecken.

Sie finden das Textbuch tatsächlich im alten Archiv. Doch die Freude darüber währt nicht lange. Sehr schnell wird ihnen klar, dass es keine Rettung geben wird. Während Priscilla endlich bereit scheint, das Unvermeidliche zu akzeptieren, zieht sich Natalia komplett in ihre eigene Welt zurück, in der sie immer jünger wird, um vielleicht irgendwann wieder ein Kind zu sein: Unschuldig, ohne Verantwortung und Vergangenheit.

Atemberaubender Schlagabtausch

Agnes Giese und Christina Rohde liefern sich 95 Minuten lang einen atemberaubenden Schlagabtausch auf der Bühne. Ausdrucksstark und wandlungsfähig nehmen sie das Publikum mit in ihr zerrissenes Inneres. Quasi mit Widerwillen sprechen sie das Wort Kapitalismus aus, um im nächsten Moment eine neu gekaufte Tasche fast verliebt anzusehen.

Die Inszenierung von Victoria Valerie Montero (Ausstattung Hannah Landes, Dramaturgie Tobias Sosinska) trifft genau den Nerv der Zuschauer. Minutenlang werden die Schauspielerinnen nicht von der Bühne gelassen und für eine tolle Leistung gefeiert.

Noch viermal ist das Stück „Vor dem Abriss“ im Jungen Theater zu sehen. Termine sind Dienstag, 26. Februar, Donnerstag, 7. März, Mittwoch, 27. März und Mittwoch, 24. April. Die Vorstellungen beginnen jeweils um 20 Uhr.

Von Vicki Schwarze

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