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18:56 18.01.2015
Von Jutta Rinas
Probe vom Orchester „Academy of St. Martin in the fields“ vor dessen Pro Musica Konzert im Kuppelsaal. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Da ist es schon ein bisschen ungewohnt, das für seine Eleganz, für seinen edlen Klang berühmte Orchester - wie jetzt bei Pro Musica im Kuppelsaal - mit einem neuen Musikdirektor zu erleben. Zumal es sich dabei um Joshua Bell handelt; jenen kumpelhaften „All-American Boy“ der Klassik, der musikalisch und offenbar auch menschlich gern mal über die Stränge schlägt. Aufgewachsen auf einer Farm in Indiana soll er als Kind den Geigenbogen gerne gegen den Pferdesattel oder den Tennisschläger eingetauscht haben.

Dass man ihn den „schnellsten Geiger Amerikas“ nennt, hat nicht nur mit rasanten Sechzehntelnoten auf der Geige, sondern auch mit der von Konkurrenten gefürchteten Reaktionsschnelligkeit bei Computerspielen und seiner Vorliebe für Sportwagen zu tun. Bell sorgte musikalisch immer wieder auch mit Crossover-Projekten für Furore und war 2007 Hauptdarsteller in einem denkwürdigen Experiment der „Washington Post“. Angezogen wie irgendein x-beliebiger Straßenmusiker spielte der damals schon weltberühmte Musiker in einer U-Bahn-Station in Washington D. C. Geige. Niemand erkannte ihn, 30 Dollar nahm er ein. Der Journalist Gene Weingarten bekam für seine Reportage dazu den Pulitzer-Preis.

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Die Zuhörer im hannoverschen Kuppelsaal hatten zumeist ein paar Euro mehr für ihre Karten bezahlt - und feierten den 47-Jährigen am Ende des Konzerts begeistert. Sie hatten ihn in einer Rolle erlebt, für die er neben allem anderen auch berühmt ist: als Weltklasse-Musiker.

Wie sehr ihm an kammermusikalischem Miteinander - an seiner Position als Primus inter Pares - gelegen ist, konnte man schon an seinem unkonventionellen Dirigierstil sehen. Wenn er nicht gerade in einer Doppelfunktion als Solist und Dirigent agierte (und den Geigenbogen schon mal zum Taktstock umfunktionierte) - wie beispielsweise in Bachs a-Moll-Violinkonzert gleich zu Beginn -, nahm er wie bei Wolfgang Amadeus Mozarts später g-Moll-Sinfonie - auf dem Sitz des Ersten Konzertmeisters Platz und dirigierte von einem erhöhten Klavierhocker aus.

Man muss einem Orchester sehr vertrauen, um ein so rhythmisch pulsierendes und zugleich so rätselhaft-hochmodernes Spätwerk wie Mozarts g-Moll-Sinfonie so führen zu können. Bei Bell und der Academy klappte es wunderbar. Noch lange nach dem Ende des Konzerts hatte man die berühmten, von pochenden Schlägen in den Bässen untermalten Seufzerfiguren der Violinen im Ohr. Wie kleine klangliche Sensationen im großen Strom der musikalischen Ereignisse wirkten die teilweise so herben Dissonanzen, wirkte die ungewöhnliche Harmonik des Stücks - so voller Leuchtkraft und zugleich so musikalisch stringent arbeiteten Bell und die Academy sie heraus.

Schon in Mozarts Sinfonia concertante in Es-Dur, KV 364, hatte Joshua Bell gemeinsam mit dem Bratschisten Antoine Tamestit gezeigt, wie man fast schon musikantisches Temperament und Spielfreude mit exquisiter kammermusikalischer Delikatesse verbinden kann. Es war eine Wonne zu hören, mit welch traumwandlerischer Sicherheit sich die beiden Solisten die (motivisch-thematischen) Bälle zuwarfen. Bell selbst fügte auf seiner Huberman-Stradivari von 1713 im zweiten Satz Kantilenen von engelsgleicher Schönheit hinzu.

Anders als so oft bei Marriner gab es diesmal keine Zugabe. Schade. Man hätte den Musikern an diesem Abend gerne immer noch weiter zugehört

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