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Weltweit Afrikanist Lutz Mükke über Kolonialgüter: „Ein Wegducken kann es jetzt nicht mehr geben“
Nachrichten Kultur Weltweit Afrikanist Lutz Mükke über Kolonialgüter: „Ein Wegducken kann es jetzt nicht mehr geben“
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17:23 03.05.2019
Lutz Mükke in der Ausstellung „A New Deal“ im nigerianischen Benin City. Die großformatigen Fotos zeigten Benin-Bronzen aus zehn Museen in Europa und den USA. Quelle: privat
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Leipzig

Das Thema ist einer der heißesten Debattenstoffe im Kulturbereich: Wie sollen Museen mit in der Kolonialzeit geraubten Objekte umgehen? Der Leipziger Journalist und Afrikanist Lutz Mükke (48) publiziert dazu seit vielen Jahren. 2017/18 leitete er ein internationales Rechercheprojekt zu den von den Briten geraubten Benin-Bronzen, von denen sich auch über 1000 in deutschen Museen befinden. Ein Interview über koloniale Traumata, die Diskussion in Deutschland und die Notwendigkeit eines neuen Verhältnisses zu Afrika.

Im November 2017 hat Frankreichs Präsident Macron eine umfassende Rückgabe in der Kolonialzeit geraubter Objekte angekündigt. Wie hat man in Afrika auf die Nachricht reagiert?

Hoch emotional. Die Erniedrigungen der Völker während der Kolonialzeit waren so massiv, dass die Traumata über Generationen weitergegeben wurden - gerade auch die Erfahrung der Herabwürdigungen ihrer Kulturen. Das alles ist erst 60 Jahre her. Wer also meint, die Kolonialzeit sei eine versunkene Ära, liegt vollkommen falsch. Afrikanische Intellektuelle und Akademiker äußern sich dazu heute ebenso emotional wie einfache Leute und Jugendliche. Macrons Rede wurde in Afrika sofort als das aufgenommen, was sie war: eine Sensation.

Und in Deutschland?

Mit seiner Ansage katapultierte er dieses Thema aus verschlossenen Expertenkreisen und dem Halbdunkel völkerkundlicher Museen in höchste Ebenen internationaler Politik. Gewollt oder ungewollt setzte Macron dadurch andere Regierungen unter Zugzwang. Auch Deutschland. Die Debatte kam damit zudem vollends im demokratischen Feld an. Auch Massenmedien schauen jetzt hin. Ein Wegducken kann es jetzt nicht mehr geben.

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Haben Sie den Eindruck, man geht nun ernsthaft an das Thema Rückgabe heran?

Wie ernst gemeint die Strategiepapiere und Leitlinien sind, die derzeit verabschiedet werden, muss sich erst erweisen. Es herrscht hektisches Gerangel um mehr Geld, das jetzt eifrig von der Politik gefordert wird, um mehr forschen und mit den Herkunftsgesellschaften kooperieren zu können. Expertenkreise reden über Leihgaben, Wanderausstellungen und Frankreich, Großbritannien, die USA und Deutschland wetteifern um den Export ihres Museums-Knowhows. Wir sollten dabei nicht versäumen, zu analysieren, weshalb über Jahrzehnte hunderte Kuratoren, Direktoren und Wissenschaftler der Völkerkundemuseen das Thema Restitution nicht längst schon von sich aus deutlicher vorangetrieben haben.

Mit welchen Dimensionen hat man es hier überhaupt zu tun?

Es gibt Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass 90 Prozent der afrikanischen Kulturschätze während der Kolonialzeit weggeschleppt wurden. Über die Zahl lässt sich streiten. Große Teile befinden sich heute in westlichen Museen und Sammlungen - und sind Abermilliarden wert.

Sie haben umfassend zu den geraubten Benin-Bronzen recherchiert, die im Berliner Humboldt Forum ausgestellt werden sollen und von denen sich mehr als 1000 in deutschen Museen in Stuttgart, Hamburg, Leipzig, Frankfurt, Köln oder München befinden. Skizzieren Sie bitte kurz den Fall.

Die Briten haben 1897 die heiligsten Objekte und gewissermaßen das Nationalarchiv des Königreichs Benin im heutigen Nigeria gebrandschatzt und zur Refinanzierung des Krieges in London verhökert. Eine zentrale Schutzbehauptung, die seitdem gegen die Rückgabe vorgebracht wird: Die Nigerianer könnten mit den wertvollen Objekten nicht anständig umgehen. Gegenargumente der Nigerianer: Bevor der Schatz aus den Palästen der königlichen Familie geplündert wurde, sei er dort teils schon über 600 Jahre lang in guten Händen gewesen. Man wolle auch gar nicht alle geraubten 4500 bis 6000 Objekte zurück, die etwa eine Millarde Dollar wert sind, sondern nur eine Auswahl der kulturell, religiös und ästhetisch wichtigsten.Außerdem sei es skurril, dass Diebe und Hehler dem rechtmäßigen Besitzer irgendwelche Vorgaben für die Rückgabe des Diebesguts machten.

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Gerade haben Sie eine Ausstellung im nigerianischen Benin City mit Fotos gestohlener Objekte gezeigt. Titel: „A New Deal“. Inwieweit brauchen wir Europäer einen umfassenden „New Deal“ mit Afrika?

Den brauchen wir ganz sicher. Die Bundesrepublik und die EU müssen verstehen, dass kluge und faire Kulturpolitik mindestens so wichtig ist wie fairer Handel. Auf beiden Feldern gibt es in Afrika enormen Handlungsbedarf. Gerade junge Leute brauchen Herkunft, müssen sich positiv mit ihrer Heimat identifizieren, sonst verlassen sie sie scharenweise. Die Rückgabe von kulturellem Erbe könnte zu einem symbolischen, brüderlichen Akt werden und die Heilung schlimmer Wunden unterstützen. Nigeria baut für Benin-Rückgaben jetzt ein neues Museum. Ich kann nur empfehlen, das Thema beherzt anzugehen.

Von Jürgen Kleindienst / RND

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