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06:59 22.05.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Lehrer mit Leerstellen: Arnulf Baring. Quelle: dpa
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Hannover

Mancher schrumpft, wenn man ihm näher kommt. Das kennt man nicht nur von Michael Endes Scheinriesen Herrn Tur Tur, das gibt es auch im wirklichen Leben. Arnulf Baring war jahrzehntelang vor allem als herausragender Kenner der Bonner Republik eine Größe. Er hat kluge Bücher über Adenauers Außenpolitik und die Ära Brandt/Scheel geschrieben, hat als Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin Generationen von Politologen ausgebildet. Dass er launig von diesen Zeiten erzählen kann, war jetzt bei Leuenhagen & Paris zu erleben – aber auch, wie eng die Weltsicht des mittlerweile 82-Jährigen (geworden) ist.

Baring soll in der Buchhandlung seine unter dem Titel „Der Unbequeme“ (Europa-Verlag, 400 Seiten, 21,90 Euro) erschienenen autobiografischen Notizen präsentieren, doch er plaudert lieber munter drauflos. Nicht nur über Brandt und Scheel, sondern auch über Angela Merkel. Die treffe er „so dann und wann“. Und wer kann das schon von sich sagen? Die Kanzlerin lasse es an Führung fehlen, verkündet Baring in Hannover, sie bereite das Land nicht auf „die kommenden Dinge“ vor. Vor ihr selbst spricht er offenbar anders: „Sie machen das gut“, habe er ihr gesagt. „Finden Sie wirklich?“ – „Was finden Sie denn?“ – „Na, so lala“, habe Merkel geantwortet.

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Gut oder führungsschwach? Ein Mann, zwei Meinungen. Wie hier operiert Baring oft mit Unschärfen, die Wichtiges offenlassen. Mit Leerstellen, die offen für rechtsnationale Deutungen sind, zu denen der soignierte Herr sich selbst natürlich nicht bekennt. Hätte Hitler 1940 nach dem Sieg über Frankreich Frieden geschlossen, sagt Baring beispielsweise, so gälte er jetzt als „größter Deutscher“. Die Zerstörung der Weimarer Demokratie, Judenverfolgung, Einmärsche – alles halb so wild? Nun, das hat Baring nicht gesagt. Er verwendet aber auch kein Wort darauf, diese Deutung auszuschließen.

Und so zieht sich das durch den Abend. Gleich ob es um Bekenntnisse zur Partei Alternative für Deutschland („Die unterstütze ich“) geht, zu Thilo Sarrazin („nicht auf den Kopf gefallen“) oder zur Trauer über deutsche Opfer sowjetischer Vergewaltigungen („Wir trauern um tote Juden – aber wer trauert über diese Deutschen?“). Helge Bert Grob, Moderator der mitveranstaltenden Friedrich-Naumann-Stiftung, konstatiert, Baring biete einen „großen Ritt durch viele Themenfelder“. Dafür hat sich dieser Reitersmann eher mit Ressentiments als mit Argumenten gerüstet: So wendet Baring sich gegen den Euro („funktioniert nicht“), die Europawahl („absolut überflüssig“) und die EU-Aufnahme der Türkei („Dann klopfen als nächstes die Juden an“), gegen gleichgeschlechtliche Eltern („gegen den gesunden Menschenverstand“) und Emanzipation („Vermännlichung der Frau“). A

ls Baring es eine „perverse Entwicklung“ nennt, dass Frauen nicht vor allem tun sollten, was nur sie könnten, nämlich Kinder in die Welt setzen, kommt kurz Protest vom Publikum. Das bleibt ihm ansonsten weitgehend gewogen, auch als er einen Zuhörer in die Schranken weist, der Frankreich den wichtigsten Bündnispartner Deutschlands nennt. „Frankreich ist unser schärfster Konkurrent“, setzt Baring dagegen und nennt es einen Irrweg, dass Deutschland angeblich keine nationalen, sondern nur noch europäische Interessen kenne. Zurück zur Nation? Man merkt: Das Koordinatensystem, mit dem der alte Herr das neue Jahrtausend vermisst, stammt weitgehend aus dem 19. Jahrhundert, er ruht noch in der engen Welt des alten Nationalstaatsdenkens. Den Einwand eines Zuhörers, Baring hätte ebenso wie die Zerstörung seiner Geburtsstadt Dresden auch die Bomben auf Coventry kritisieren müssen, kontert er entsprechend: „Coventry war eine Industriestadt – das kann man nicht vergleichen.“ Ach so.

Der Ausgewogenheitsappell dürfte ihm als Beispiel jener „politischen Korrektheit“ vorgekommen sein, die er schon zuvor dafür verantwortlich gemacht hatte, dass die öffentliche Debatte in Deutschland „verödet und erstickt“ sei. Baring ist nicht der erste, der in der Pose des Tabubrechers öffentlich darüber klagt, öffentlich nichts beklagen zu dürfen. Zuletzt hatte Sibylle Lewitscharoff diese rhetorische Figur bemüht. Nun schlüpft Arnulf Baring in dieselbe Rolle.
Ein „Unbequemer“? Für alle, die seine Weltsicht zu teilen glauben, weil sie seine Leerstellen intuitiv zu füllen vermögen, ist er ganz bequem.

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