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Weltweit Atelierbesuch bei Jonathan Meese: Ein Narr, wer alles glaubt
Nachrichten Kultur Weltweit Atelierbesuch bei Jonathan Meese: Ein Narr, wer alles glaubt
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10:00 18.11.2018
Jonathan Meese in seinem Atelier in Berlin. Quelle: Geraldine Oetken
Berlin

Die langen Haare fliegen zottelig im Wind, als er mit großen Schritten herbeieilt. Jonathan Meese öffnet die Arme weit zur Begrüßung, er hält die Handflächen nach vorne wie ein freundlicher Jesus. „Ja hallo, ich bin Jonathan Meese. Also Jonathan, bitte, klar?“ Der 48-Jährige trägt die Uniform, in der er seit Jahren öffentlich auftritt: schwarze Adidas-Trainingsjacke und schwarze Hose. Sie gehört zu seiner Rolle dazu.

Jonathan Meese ist in der persönlichen Begegnung offen, freundlich und entspannt – ganz anders, als man ihn aus der Öffentlichkeit kennt. Als Enfant Terrible der deutschen Kunstszene wurde er bekannt. Als einer, der bei seinen Performances wie ein Berserker vor Hakenkreuzen auf Pappkulissen wütet. 2013 wurde er angeklagt, weil er bei einem Interview mit dem „Spiegel“ im Vorfeld der Documenta in Kassel den rechten Arm zum Hitlergruß gehoben hatte.

Während des Prozesses ließ er sich in einem Gutachten – abgedruckt in seiner soeben erschienenen Biografie – bestätigen, dass er Interviews immer in der Rolle seiner Kunstfigur führt und nicht als Privatperson. „Ich würde doch nicht in einem Restaurant einen Hitlergruß zeigen, ich bin doch nicht bescheuert“, sagt Meese. Das Amtsgericht Kassel gab ihm damals Recht und sprach ihn frei.

„Die Biografie war Notwehr“

Die Biografie, die der Skandalkünstler fünf Jahre lang zusammen mit seiner Managerin Doris Mampe und dem Künstler Robert Eikmeyer entwickelt hat, macht deutlich: Jonathan Meese ist eine Figur, Teil seines Gesamtkunstwerks. „Die Biografie war Notwehr“, sagt der Künstler in seinem Berliner Atelier im alten Pumpwerk in Prenzlauer Berg. „Ich wollte endlich ein Standardwerk über mich veröffentlichen. Für die anderen.“

Die anderen, das sind diejenigen, die ihn beim Arbeiten hindern wollen. Sein ganzes Künstlerleben ist geprägt vom Widerstand gegen diese nicht näher definierte Gruppe. „Meine Feinde. Die, die mich vom Kunstmachen abbringen wollen“, sagt Meese und würde fast wie ein Verschwörungstheoretiker klingen, wenn er das Gesagte nicht mit einem Lachen und dem selbstironischen Nachsatz „Feinde zu haben macht ja auch Spaß“ brechen würde.

Wer antwortet da jetzt gerade: Meese als Person oder sein Alter Ego als Kunstfigur? Bei diesem Künstler weiß man nie so genau, was Show und was Ernst ist. Das gilt auch für die Biografie. Meese hat seine Lebensgeschichte quasi prophetisch bereits bis zu seiner von ihm ausgerufenen Diktatur der Kunst 2023 fortgeschrieben.

Bei diesem Künstler weiß man nie so genau, was Show und was Ernst ist: Jonathan Meese. Quelle: Jan Bauer

Bei anderen Beispielen ist es schwieriger zu erraten, was stimmt und was nicht. So will Meese an seinem 22. Geburtstag beschlossen haben, sich nun professionell mit der Kunst zu beschäftigen und sich von Mutter Brigitte Zeichenblock und Kreide gewünscht haben. „Die Biografie ist eine Möglichkeit, eine Basiswirklichkeit. Das ist ein Buch gegen den Realitätsfanatismus“, sagt er.

Einige Eckdaten scheinen aber doch zu stimmen: Geboren wurde er 1970 in Tokio als Sohn einer Deutschen und des Walisers Reginald Meese. Zu seiner Mutter hat er eine enge Bindung. Sie taucht nicht nur in seinen Arbeiten immer wieder auf, sondern schaut auch beim Gespräch vorbei. Sie muss aber gleich wieder los – „zum Friseur, die Frisur wieder in Form bringen“.

Als kleines Kind zog Meese nach Ahrensburg in Schleswig-Holstein, der Vater blieb in Japan. In seiner Jugend hörte er Abba-Songs pausenlos am Stück, zog sich in sein Zimmer zurück und ging nicht auf Partys. Auf der Kunsthochschule wurde sein Genie sofort erkannt – laut Biografie traf er zufällig den Kunststar Daniel Richter, der ihm später zu seinem ersten Vertrag mit der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts verhalf.

Traumwelt der Heldengeschichten

Meese stilisiert sich quasi selbst zum Helden nach antikem Vorbild. Das passt ins Konzept: Denn die Kunstfigur Jonathan Meese lebt in einer Traumwelt der Heldengeschichten und sucht sich stets gegen das Böse durchzusetzen.

Das Atelier im Pumpwerk ist ein Ort für diese Traumwelt, ein industrieller Bau mit zwei Hallen. Die eine sieht mit der großen, dunkelblauen Pumpe aus wie eine Filmkulisse. Mitten im Raum steht eine alte Straßenlaterne, die ein Licht wie im Film Noir auf abgestellte Styroporklötze wirft. In der Nachbarhalle liegen Comichefte über den Geisterjäger John Sinclair herum, sonst hört er gern „Die drei Fragezeichen“.

Sein absoluter Lieblingsfilm ist Zardoz, ein Science-Fiction-Drama von 1974. Ein Panoptikum der Heldengeschichten. „Ich höre ,Die drei Fragezeichen’ nicht aus nostalgischen Gründen, sondern weil ich wissen will, was davon bleibt“, sagt er und hebt die Hand in die Luft, schaut angestrengt, als horche er auf etwas. Und suche eine Ewigkeit.

Installationsansicht: „Die Irrfahrten des Jonathan Meese“ in der Münchner Pinakothek. Quelle: Jörg Koopmann

Im Laufe seiner 20-jährigen Künstlerkarriere spielte Meese selbst Held und Bösewicht, Soldat und Polizist. In der Kunsthochschule tapezierte er die Wände mit Idolen der Popkultur – Romy Schneider, John Lennon, Marylin Monroe. Später wandte er sich dem Ur-Bösen zu: Stalin, Hitler.

Wenn er über seine Arbeit spricht, dann verfällt Meese in Performancemodus. Ob er jeden Satz ernst meint oder nicht, ist unwichtig. Er ist wie ein Narr aus einer Shakespeare-Komödie, der Wahres und Unwahres mischt. Die Beurteilung der Sache verrät mehr über sein Gegenüber, als über ihn selbst.

Damit ist Jonathan Meese ein Spieler, der hofft, dass ihm jemand auf die Spur kommt. Und den Brotkrumen der Ungereimtheiten in seiner Biografie folgt. „Oh ja, ich hoffe, dass einer alle Fehler findet“, sagt er und lacht.

Wie eine geheime Schatzkarte

Wie eine geheime Schatzkarte sieht auch der Teppich in der aktuellen Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne aus – große Pfeile zeigen auf die Bilder an den Wänden, Arbeiten aus seiner Künstlerkarriere, die zum großen Teil noch nicht gezeigt wurden. Blaue Kreuze markieren den Schatz: die Zielsetzung in seiner Kunst. „Die Irrfahrten des Meese“ lautet der Titel der Ausstellung in Anlehnung an Homer. Wieder so eine Heldengeschichte.

Im Atelier wird es langsam dunkel. Es ist später als geplant. Mutter Brigitte ist vom Friseur zurück und will nun auch nach Hause. Die Bilder für die Ausstellung „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“, die im Januar eröffnet werden soll, trocknen gerade an der Wand.

Für ein Foto posiert Jonathan Meese – die Haare sorgfältig zurechtgelegt – vor seinem überlebensgroßen John-Sinclair-Bild wie ein Kind, das nicht aufhören kann, Grimassen zu ziehen. Er hebt die rechte Handkante in gerader Linie an die Stirn, salutiert, wie ein Soldat, wie ein Matrose. Wie ein Odysseus nach seiner Irrfahrt.

Von Geraldine Oetken

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