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Weltweit Aus der Tiefe des Traumas
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18:24 19.10.2009
Von Imre Grimm
Nicht mehr im Spiel: Schiedsrichter Markus Merk (r.) zeigt im Jahr 2005 Sebastian Deisler die Rote Karte. Quelle: ddp (Archiv)
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Der 60-Meter-Sololauf, der sein Leben verändern wird, beginnt am 6. März 1999 in der 75. Minute des Bundesligaspiels Borussia Mönchengladbach gegen den TSV 1860 München kurz vor der Mittellinie. Sebastian Deisler bekommt den Ball vor die Füße und startet zu einem Dribbling für die Ewigkeit. Geradeaus, links, rechts, Tunnelblick aufs Tor. Es ist sein Bundesligadebüt als Profi, und als er den Ball aus 25 Metern mit links zum 2:0 im Tor versenkt, da will ganz Fußballdeutschland wissen: Wer ist dieser Typ?

Zehneinhalb Jahre nach dem Tor seines Lebens sitzt Sebastian Deisler müde, etwas rundlicher und mit leeren Augen bei „stern tv“. Vor zweieinhalb Jahren, elf Tage nach seinem 27. Geburtstag, hatte er seine Karriere entkräftet aufgegeben, von Depressionen gequält, von sieben Knieoperationen zermürbt, leer und krank. Jetzt ist er wieder da. Der Berliner Sportjournalist Michael Rosentritt hat ein Buch über ihn geschrieben, es heißt „Zurück ins Leben“, aber Deisler geht jetzt nicht auf Werbetour. Ein paar ausgesuchte Interviews, dann ist Schluss. Es ist kein Comeback. Es ist eine endgültige Abschiedsrunde. Sebastian Deisler will erklären, wie er am Fußball zerbrach.

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Wie eine „Glühbirne, die einsam von der Decke hängt“, habe er sich gefühlt, sagte er der „Zeit“. „Nackt. Für jeden sichtbar.“ Warum jetzt das Buch? Als Therapie, das sicher auch, aber vor allem, weil er nicht so abtreten wollte, als kranker Unvollendeter. Es ist ein kluges Buch geworden. „Zurück ins Leben“ ist keine Abrechnung, sondern eine harte, ehrliche Bilanz. Es zeigt, was für eine Welt die Bundesliga ist und wie unerträglich es sein kann, von klein auf unter Genie-Verdacht zu stehen.

Sebastian Toni Deisler, geboren am 5. Januar 1980 in Lörrach im Schwarzwald, verlässt schon mit 15 sein Elternhaus, wird Jugendspieler bei Borussia Mönchengladbach. Er war überall der Kleinste, der Stillste - und der Beste. Rasch wird er Profi. Aber dann geht alles viel zu schnell: Nach seinem legendären Sololauf soll er quasi im Alleingang den deutschen Fußball retten, auch in der Nationalmannschaft. Die Stars damals heißen Jens Nowotny oder Carsten Jancker, von Franz Beckenbauer als „Rumpelfüßler“ verspottet. Und dann kam da einer, der konnte fliegen. Für den fühlte sich Fußball in seinen besten Momenten an wie „tanzen“. Sein Vorbild ist Zinedine Zidane. „Basti Fantasti“. Er würde es richten, er würde uns retten.

Da war er 19 Jahre alt.

Es folgt: der Wahnsinn. 26 Vereine aus ganz Europa bieten um den Teenager. Am Ende des Sommers wechselt Deisler zu Hertha BSC, wird als Heilsbringer begrüßt, von Liebe erdrückt, drei Jahre lang. Dann will er zum FC Bayern München wechseln. Der Trainer, Ottmar Hitzfeld, ist ein Lörracher und ein Schulfreund von Deislers Vater. Man vereinbart Stillschweigen, er soll Wechselgerüchte bis zum Winter abblocken, aber „Bild“ druckt einen 20-Millionen-D-Mark-Scheck des FC Bayern mit Deislers Namen, es sieht so aus, als habe er die Berliner Fans belogen. Sie sehen „Basti“ als Verräter, er erhält Drohbriefe („Wir killen Dich!“), wird bespuckt. „Dieter Hoeneß hat zugesehen, wie ich aus Berlin hinausgeprügelt wurde“, sagt er heute. „Das war mein Genickschuss.“ Hoeneß dementierte vor ein paar Tagen: „Das ist falsch. Diese Aussage enttäuscht mich.“

Beim FC Bayern spielt er acht Monate lang nicht, das Knie ist kaputt, kassiert aber Millionen. In fünf Jahren wird er nur 62 Spiele machen. Er kauft sich wie die anderen ein schnelles Auto, schicke Uhren, Sonnenbrillen, nimmt jede Party mit, glaubt, er müsse dazugehören.

Der Boulevard vereinnahmt ihn, Deisler soll funktionieren. „Ich sollte jemand sein, der ich nicht war“, sagt er. Das ist immer ein Problem, wenn das Selbstbild und das Image zu weit auseinanderklaffen. Und manchmal macht es krank. „Ich bin es müde, Elvis Presley zu sein“, hat Elvis Presley mal gesagt. „Sissi hing an mir wie ein Klotz am Bein“, sagte Romy Schneider. „Sissi lächelte selig, wenn ich Lust hatte zu weinen.“ Doch jeder Star, der des Treibens müde ist, wird bestenfalls der Koketterie geziehen: Was will der denn, der Deisler? Der ist doch jung, der hat einen Traumjob, Millionen auf dem Konto, eine brasilianische Freundin - der kann doch nicht traurig sein?! „Vor drei Jahren noch hätte ich gemordet für das, was ich jetzt besaß“, hat die Schriftstellerin Erica Jong mal gesagt. Dann lernte sie „die andere Seite kennen, die Zerrbilder der Presse, der Unbekannten, die ihre Phantasien und Frustrationen auf dich projizieren“. Bei Deisler klingt das so: „Ich bin unglücklich geworden, als ich versucht habe, andere glücklich zu machen. Ich fühlte mich wie ein trauriger Clown.“

Es ist nicht der Sport selbst, der Kern des Geschäfts, der Deisler zerstört hat. Es ist das Drumherum in diesem merkwürdigen Entertainmentzirkus, die Erwartungen der Fans und seine eigenen an sich selbst. Zu jung zu gut, zu schnell zu reich, er will kein Fußballpopstar sein müssen. Im November 2003 werden die Depressionen unerträglich, er muss neun Wochen in eine Klinik und macht - als erster Fußballprofi - die Krankheit öffentlich. Kurz danach dröhnt Edmund Stoiber, Deisler sei „eines der größten Verlustgeschäfte des FC Bayern“.

Es ist unmöglich, einem Gesunden die Tiefen einer Depression zu erklären, den Ichverlust, die schwarze Negativität, wenn sich das psychische Immunsystem gegen einen selbst richtet. Hinzu kommt: In einer Branche, in der viel von „mentaler Stärke“ die Rede ist, in der Spiele „im Kopf“ entschieden werden, gilt jeder, der sich allzu viele Gedanken macht, schnell als Mimose und Sensibelchen oder gar - immer noch - als „Schwuli“. Die Bundesliga ist kein Ort für Melancholiker. Als „Deislerin“ hätten ihn die Mitspieler bezeichnet, sagt er. Er war einsam.

„Ich habe mein Talent verflucht“, sagt Deisler. „Ich war zu gut, um nicht aufzufallen.“ Traurig klingt das, was er im Buch von seinen Sehnsüchten erzählt. Wie er sich, als er mit der „U 15“-Nationalmannschaft nach Griechenland flog, auf die Zitronenbäume freute. „Als wir dann da waren, habe ich aus dem Bus ständig die Zitronenbäume angeschaut. Zitronenbäume in freier Natur!“ Und die anderen? Haben gepokert. „In der Bayern-Kabine Mensch zu sein“, sagt er, „ist gar nicht so leicht.“

Am 16. Januar 2007 gibt er auf. Pressekonferenz mit Uli Hoeneß, die Augen tief in den Höhlen. „Es war eine Qual in letzter Zeit.“ Dreimal deutscher Meister, dreimal Pokalsieger, 36-mal Nationalspieler, Rücktritt mit 27 Jahren. Ja, er hätte eher aufhören müssen, am besten schon 2003, sagt er. „Ich habe zu lange geglaubt, ich könnte fehlende Härte wettmachen durch besseren Fußball.“

Und jetzt? Er hat genug Geld. Er will in Lörrach eine Fußballschule aufmachen, vielleicht. Seit drei Wochen wohnt er wieder dort, in der Nähe der Eltern. Die Beziehung zu Freundin Eunice ist zerbrochen, mit ihr hat er einen Sohn. „Ich will endlich eine schöne Geschichte vom Fußball erzählen.“ Und: „Ich lebe in den Tag hinein. Ich will einfach niemandem mehr gehören.“ Erst einmal hat er seit dem Rücktritt Fußball gespielt. „In Nepal.“ Im Stadion war er noch nicht wieder.

Sebastian Deisler ist noch nicht wieder gesund. Aber er weiß, sagt er, dass er es wieder sein kann, eines Tages. Das ist schon viel.


Michael Rosentritt:
Sebastian Deisler - Zurück ins Leben. Die Geschichte eines Fußballspielers.“ edel Verlag, 256 Seiten,
ISBN 3941378287, 22,95 Euro.