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Weltweit Die Mutter aller Festivals
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18:14 24.07.2014
In diesem Jahr ist bei den Bayreuther Festspielen alles eine Nummer kleiner als 2013, als die Musikwelt, und nicht nur die, den 200. Geburtstag des größten aller Musikdramatiker aus Leipzig feierte. Quelle: Daniel Karmann
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Bayreuth

Die Kanzlerin macht blau - Termine. Das nimmt der Eröffnung der 103. Bayreuther Festspiele am Freitag zwar ein wenig protokollarischen Glanz, dürfte aber in der Königsloge, wo Angela Merkel traditionell im Kreise der Polit-Prominenz und der Familie Wagner sitzt, kaum weiter auffallen. Thomas Gottschalk macht auch blau. Was fürs Protokoll egal ist, für den Glamour-Faktor nicht - und all die Wagnerianer freuen mag, die diesmal nicht hinter ihm im Parkett den Hals verrenken müssen, um etwas zu sehen von dem, was da auf der Bühne des Festspielhauses passiert.

Dort ist in diesem Jahr alles eine Nummer kleiner als 2013, als die Musikwelt, und nicht nur die, den 200. Geburtstag des größten aller Musikdramatiker aus Leipzig feierte. Zumindest ist alles eine Nummer älter. Denn wie immer, wenn es im Vorjahr einen neuen „Ring“ gab auf dem Grünen Hügel, steht nun keine Neuinszenierung an.

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Da folgerichtig (obwohl wieder rund 60.000 Besucher in den kommenden sechs Wochen ins Frankenland pilgern werden) im Vorfeld auch das Medieninteresse ein wenig kleiner ist, wurde Frank Castorf, seit 1992 Volksbühnenintendant in Berlin und inszenierender „Ring“-Ersatz für den abgesprungenen Lars von Trier, nun proaktiv und wetterte im „Spiegel“ ausführlich über die Mutter aller Festivals im Allgemeinen und ihre Leitung im Besonderen: Wie einen Idioten habe man ihn behandelt, er merke, „dass all die Anarchie, die mein Bühnenbildner Aleksandar Dénic und ich hier vergangenes Jahr reingebracht haben, nicht mehr erwünscht ist“.

Das sei einmal dahingestellt. Denn ausgesucht haben ihn die Wagner-Schwestern Katharina und Eva Wagner-Pasquier, die noch bis nächstes Jahr gemeinsam die Geschicke der Richard-Wagner-Festspiele lenken, ja genau wegen dieser Anarchie. Will meinen: wegen des beinahe sicher zu erwartenden Skandals, wenn ein bekennender Stücke-Zertümmerer wie Castorf im Allerheiligsten der Wagnerwelt das Allerheiligste der Wagnerwelt inszenieren darf. Und gemessen daran blieb es 2013 einigermaßen ruhig um diesen neuen „Ring“. Gewiss, im Publikum buhte man sich die Seele aus dem Leib. Die Kritik indes nahm Castorfs gediegene Kapitalismus-Kritik tendenziell wohlwollend auf - und feierte die musikalische Seite der Medaille, das Dirigat Kirill Petrenkos, die fabelhafte Sänger-Besetzung.

Der Befund, dass die Musik bejubelt wird im maroden 2000-Plätze-Theater mit der einzigartigen Akustik und die Regie ausgebuht, er gehört zum guten Ton auf dem Hügel. Folgerichtig war es bislang bei den übrigen Produktionen dieser Saison auch nicht anders: beim Biogas-Fabrik-„Tannhäuser“ Sebastian Baumgartens, mit dem nun alles aufs Neue beginnt - und der nach dem Ende dieser Festspiele ausgemustert wird. Am Pult steht wieder der im vergangenen Jahr ausführlichst gefeierte Axel Kober, stellvertretender Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, bis Christoph Meyer ihn 2009 als GMD mit nach Düsseldorf nahm. Auch beim szenisch eher unerheblichen „Fliegenden Holländer“ Jan Philipp Glogers wird Wagners Partitur triumphieren. Dafür bürgt am Pult Christian Thielemann. Bei Hans Neuenfels’ Ratten-„Lohengrin“ übernimmt diese Aufgabe Andris Nelsons.

Neues gibt’s erst im kommenden Jahr wieder. Dann inszeniert Katharina Wagner, 36-jährige Urenkelin des Komponisten, „Tristan und Isolde“ - um hernach das gewaltige Erbe ihres Urgroßvaters alleine weiterzuverwalten: Ihr Vertrag mit den Gesellschaftern (Bund, Freistaat Bayern, Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde Bayreuths) wurde um weitere fünf Jahre bis 2020 verlängert, während ihre Halbschwester Eva Wagner-Pasquier (69), wie im Februar angekündigt, auf eigenen Wunsch zum 31. August 2015 ausscheidet.

Damit bleiben die Festspiele in Familienhand - obwohl sich die Mehrheitsverhältnisse auf dem Grünen Hügel verschoben haben. Bund und Freistaat halten an der Festspiel-GmbH nun 58 Prozent, und die neue Satzung sieht vor, dass, vorausgesetzt, eine Drei-ViertelMehrheit stimmt dem zu, die Leitung der 1876 erstmals ausgerichteten Festspiele auch Persönlichkeiten übernehmen können, die nicht zum Clan gehören.

Durch die Neuverteilung der Machtverhältnisse und den Umstand, dass die Festspiel-Stiftung einen 40 Jahre laufenden Mietvertrag unterzeichnete, scheint nun der Weg frei für die dringend notwendige Generalsanierung des Festspielhauses, an dem mittlerweile ein Baugerüst dafür Sorge trägt, dass abbröckelnder Putz Besucher nicht gefährdet. Rund 30 Millionen Euro werden dafür veranschlagt, Mittel, deren Löwenanteil vom Freistaat und vom Bund kommen sollen. Leicht wird es nicht. Heinz-Dieter Sense, kaufmännischer Festspiel-Geschäftsführer: „Die Bauarbeiten können schließlich nur in der Zeit durchgeführt werden, wenn weder geprobt noch gespielt wird, also von Herbst bis Frühjahr. Das Wetter ist dann das größte Problem.“

Geht alles glatt, beginnt die Sanierung im September 2015 - nach dem Ende der 104. Festspiele. 2021 soll dann alles fertig sein. Dann sitzt gewiss auch Angela Merkel wieder im Publikum, und im Parkett recken Wagnerianer hinter Thomas Gottschalk die Hälse.

Von Peter Korfmacher

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