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Weltweit Bekenntnisse einer Feministin
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08:14 14.09.2011
Von Wiebke Ramm
Alice Schwarzer präsentiert ihr Leben in einem neuen Buch. Quelle: dpa
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Hannover/Mannheim

Alice Schwarzer ist zum Schweigen verdammt. Es ist die Stunde des Kachelmann-Verteidigers Johann Schwenn. In seinem Plädoyer ätzt er über die „alberne ,Emma‘“ und über Alice Schwarzer. Als Schwenn endet, rauscht Schwarzer aus dem Gericht. In erstaunlichem Tempo eilt sie die Straße entlang. Wirklich jeder Mensch, an dem sie vorbeiläuft, dreht sich nach ihr um. Ein Mann bittet, sie fotografieren zu dürfen. Er darf, sie lächelt. Ihre Gedanken aber sind woanders. An der nächsten Ampel verschafft sie sich gegenüber einer Kollegin Luft: Sie nennt Schwenn einen „dreisten Vogel“ und noch vieles mehr. Sie ist empört. Ihre ­Augen funkeln.

Man staunt. Alice Schwarzer hat sich einiges gefallen lassen müssen in ihrem Leben. Sie wurde als „frustrierte Tucke“, „Hexe“ und „Männerhasserin“ beschimpft. Sie kennt die Anfeindungen von allen Seiten. Doch gelassen über den Dingen stehen, das kann sie nicht.

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Manche werfen ihr genau das vor: Warum muss sie sich bloß immer noch überall einmischen? Jörg Kachelmann, Charlotte Roche, Kristina Schröder. Sie demontiere ihr eigenes Denkmal, heißt es. Sie habe viel für die Frauen getan, aber jetzt müsse auch mal gut sein.

Die herausragende Stärke der Alice Schwarzer aber ist, dass sie sich nie den Mund verbieten ließ. So ist sie auch mit 68 Jahren weit davon entfernt, es sich in ihrem Haus nahe Köln gemütlich zu machen. Stattdessen hat sie sich dort an ihren Schreibtisch gesetzt und ihre Autobiografie geschrieben. Am Donnerstag erscheint der erste Teil mit dem Titel „Lebenslauf“. Es sind die ersten 35 Jahre ihres Lebens, von ihrer Geburt bis zur Geburt ihrer „Emma“.

„Was hat mich geprägt? Wie waren die Bedingungen und Begegnungen meines bisherigen Lebens? Und – was habe ich daraus gemacht?“, das habe sie herausfinden wollen. Vieles, was sie schreibt, ist bekannt – aus Bascha Mikas Schwarzer-Biografie und aus Schwarzers eigenen Büchern. Der Reiz einer Autobiografie aber liegt nicht allein darin, neue Fakten zu erfahren. Einen Menschen kennenzulernen heißt auch, dessen Gründe für sein Handeln zu verstehen. Alice Schwarzer neigt jedoch nicht zum Psychologisieren. Das Seltsame an ihrem Buch ist: Sie schreibt über sehr persönliche Dinge – erster Kuss, Hochzeitspläne, Kinderwunsch – und trotzdem kommt man ihr nicht nah.

Man erfährt, dass Alice Schwarzers Liebe über viele Jahre Bruno hieß – woran auch Udo Jürgens nichts ändern konnte, obwohl er sich an einem Strand in Marokko heftig bemühte –, dann gab es Ursula und schließlich ihre aktuelle Lebensgefährtin, mit der sie seit mehr als einem Jahrzehnt liiert ist.

Ja, Alice Schwarzer liebt eine Frau. Erst in ihrer Autobiografie bekennt sie sich öffentlich dazu. Den Namen ihrer Partnerin verrät sie nicht. „Wir sind ein offenes Paar, aber kein öffentliches. Und so wird es bleiben“, schreibt sie. Manche werfen ihr vor, dass sie sich nicht längst geoutet hat. Vielleicht wusste Schwarzer einfach nicht, warum und wie sie hätte bekennen sollen, was sie für eine Selbstverständlichkeit hält: Sie verliebt sich in Menschen, nicht in Geschlechter. Ihre Überzeugung ist: Die Menschen sind von Natur aus bisexuell. Was sie bewogen hat, das öffentliche Bekenntnis nun nachzuholen, verrät sie nicht.

Über sich selbst schreibt Schwarzer, sie sei „nicht der Mensch, der sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt und über seine Befindlichkeiten beugt. Dafür finde ich die Welt viel zu aufregend“. „Lebenslauf“ ist so gesehen ein überaus treffender Titel. Ihr Buch ist keine Analyse des eigenen Werdens, sondern ein Abriss des Lebens einer Frau, die die Gesellschaft verändert hat. Das allerdings liest sich spannend genug.

Geboren 1942 in Wuppertal als uneheliches Kind, wächst sie bei ihren Großeltern auf, die sie „Mama“ und „Papa“ nennt. Ihre Mutter ist für sie eher Schwester. Es ist der Großvater, der sich um die kleine Alice kümmert. Das klassische Rollenbild sei auf den Kopf gestellt gewesen, so Schwarzer. Der schlimmste Vorwurf zu Hause lautete: „Wie spießig!“ Sie ist früh selbstständig und sagt, was sie denkt. Das Mädchen Alice schwärmt für Elvis („Diese Grübchen, diese Silhouette, diese Stimme ...!“) und wettet mit ihren Freundinnen, wer am Abend die meisten Jungs küsst.

Sie schreibt über ihre große Liebe Frankreich, wo sie die Frauenbewegung mitinitiiert und Simone de Beauvoir begegnet. Sie schildert ihre Rückkehr nach Deutschland, ihren Einstieg in den Journalismus und ihr Hadern mit der hiesigen Frauenbewegung, die sie als furchtbar humorlos erlebt. Sie schreibt über ihre Aktion gegen den Paragrafen 218, die sie zum Medienstar des Feminismus werden lässt.

Alice Schwarzer will Debatten anstoßen. Auch mit diesem Buch. So stellt sie einfach mal die Vermutung in den Raum, dass die Stasi in die autonome Frauenbewegung verstrickt gewesen sein könnte. Beweisen kann sie es nicht.
Schwarzers Ort ist nicht die Wissenschaft, auch nicht die linke Szene, die eine Sprache spricht, die nur die Szene selbst versteht. Schwarzer wählt lieber „Bild“, um sich Gehör zu verschaffen. Und die Medien lieben sie. Sie spricht Klartext, sagt Sätze, die einige aufregen, andere begeistern. Ist sie Gast in einer Talkshow, weiß man, dass es turbulent wird. Das Erstaunliche an dieser Frau ist, dass sie sich ihre Fähigkeit zur Empörung bewahrt hat. Gleichgültigkeit ist ihr zuwider. „Der Motor meines ganzen Handelns ist die Gerechtigkeit. Alles andere wäre für mich ein verpasstes Leben.“ Diese Worte stellt sie den ersten 15 Kapiteln ihres Lebens voran.

Den zweiten Teil ihrer Autobiografie hat sie für „irgendwann“ angekündigt. Soll heißen: Das Leben geht weiter. Es wird wohl ein lautes bleiben.

Alice Schwarzer: „Lebenslauf“. Kiepenheuer & Witsch. 512 Seiten, 22,99 Euro.