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Weltweit Berliner Museum Berggruen: Das Haus der Moderne
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00:15 21.03.2013
Schlank: Giacomettis „Große Stehende Frau III“ im Museum Berggruen (u.). dpa (2)
Museum Berggruen in Berlin. Quelle: dpa
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Hannover

Eine kurze, intensive Affäre mit Frida Kahlo - sogar das gab es im Leben von Heinz Berggruen. Lebenslang hingegen währte Berggruens Liebe zu den Werken großer Männer der Kunst des 20. Jahrhunderts: Picasso, Matisse, Klee und Giacometti. Auf 1,5 Milliarden DM wurde die Privatsammlung des Kunsthändlers im Jahr 2000 geschätzt. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder und sein Kulturstaatsminister Michael Naumann setzten sich erfolgreich dafür ein, dass die Preußenstiftung den Großteil des Schatzes von 165 Werken für eine Summe von 253 Millionen DM (129 Millionen Euro) erwerben konnte.

Nach zweijähriger Umbauphase und mehrmonatiger baubedingter Verschiebung des Eröffnungstermins sind die Pforten des Museum Berggruen gegenüber dem Schloss Charlottenburg jetzt wieder für Besucher geöffnet. Berlin - das ist eine Überraschung - besitzt jetzt ein wundervolles Picasso-Museum! Mit mehr als 100 Gemälden, Zeichnungen und Plastiken des Künstlers gehört die Berggruen-Sammlung neben den Kollektionen in den Picasso-Museen in Paris, Barcelona und Málaga zu den bedeutendsten Picasso-Sammlungen Europas. Erst jetzt wird das deutlich und erlebbar, denn der gesamte klassizistische Stüler-Bau ist dem spanischen Jahrhundertkünstler gewidmet.

Zweite Überraschung: Eine 22 Meter lange Pergola aus Glas und Stahl (Architekten Kuehn Malvezzi) verknüpft den Stüler-Bau mit dem neu integrierten Kommandantenhaus, das zuletzt eine Kindertagesstätte beherbergt hatte. Die Doppelhausstruktur lässt an die miteinander verbundenen Wohnhäuser Frida Kahlos und Diego Riveras in Mexiko-Stadt denken. Als junger Mann hatte Berggruen mit Rivera zusammengearbeitet. Doch während das Haus des mexikanischen Künstlerpaares Ausdruck einer unkonventionellen Ehe war, ist die Doppelhauslösung in Berlin einer aus den Nähten geplatzten Sammlung geschuldet. Die Nachkommen des 2007 verstorbenen Sammlers - darunter sein Sohn, der US-Investor und Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen, - leihen dem Museum laufend Werke, rund 50 sind in jüngerer Zeit dazugekommen.

Picasso-Hauptwerke aus dem Kernbestand sind: der „Sitzende Harlekin“ aus der rosa Periode, eine Gruppe dicker Satyrn beim Nackttanz am Strand („Tanzende Silene“) und zahlreiche Werke der kubistischen Phase. Bei Matisse liegt ein Schwerpunkt auf späten Scherenschnitten. Berggruen war in seiner Zeit als Händler in Paris der Erste, der diese merkwürdigen Bilder, die die Pop-Art vorwegnahmen, schätzte und ausstellte.

Mit der Einrichtung eines Picasso-Museums in Berlin ist ein Coup gelungen. Allerdings gibt es auch Verlierer. Sie heißen Klee und Matisse. Auch diese haben mehr Raum als zuvor. In der jetzigen Konstellation wirken der weltflüchtige deutsche Aquarellist und der luftig-verspielte Franzose aber wie Picassos arme Brüder, die sich das Hinterhaus teilen müssen. Dort sind die Räume auch konventioneller geschnitten.

Wiederum ideal ist hingegen die Präsentation der Giacometti-Bronzen, die Besucher im Erdgeschoss begrüßen. Wie gewichtig Alberto Giacomettis Magerskulpturen sind, wurde vor drei Jahren mit dem überraschenden Auktionsergebnis von knapp 75 Millionen Euro für einen „Schreitenden“ deutlich.

Das Berggruen-Museum gehört zu dem nicht unumstrittenen Typ des Familienmuseums in öffentlicher Hand. Seit die Preise für Kunst durch die Decke geschossen sind, findet man diese Lösung. „Das Werk und die Vision meines Vaters werden jetzt ausführlich gezeigt“, lobte gestern der Berggruen-Sohn Olivier. Aus einem „Quartier der Antike“ - früher residierte Nofretete in Charlottenburg - sei ein „Quartier der Moderne“ geworden, sagte Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, „ein Quartier français, das Privatsammlungen zur französisch geprägten Moderne gewidmet ist“.

Nach Angaben von Michael Eissenhauer, dem Präsidenten der Preußenstiftung, hat sich die Fläche des Museums von 700 Quadratmetern auf 1250 Quadratmeter fast verdoppelt. Statt 18 durchschreitet man jetzt 28 intim gehaltene Zimmer. Die 7,6 Millionen Euro Umbaukosten kamen aus dem Bundeshaushalt.

„Die Bilder wollen nicht an ihrer eigenen Schönheit sterben. Sie wollen betrachtet und genossen werden“, hatte der Sammler Heinz Berggruen gesagt. In den 15 Jahren seit Eröffnung des nach ihm benannten Museums bis zur vorübergehenden Schließung hat das Haus rund zwei Millionen Besucher angezogen. Jetzt ist es noch attraktiver. Bloß die betont-grässlichen Skulpturen von Thomas Schütte im öffentlich zugänglichen Museumsgarten und dessen Benennung nach der Sammler-Gattin Bettina hätten nicht unbedingt sein müssen.

Nationalgalerie - Museum Berggruen, Schloßstrasse 1, Berlin-Charlottenburg, Tage der offenen Tür am 16. und 17. März 10 bis 18 Uhr; regulär wieder geöffnet ab 19. März.

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