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Weltweit Schätzing hält Putsch in Israel für möglich
Nachrichten Kultur Weltweit Schätzing hält Putsch in Israel für möglich
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08:34 26.07.2014
Von Ronald Meyer-Arlt
Bestsellerautor Frank Schätzing auf Lesetour. Im März stellte er beim Literaturfestival Lit.Cologne in Köln seinen Roman „Breaking News“ vor. Quelle: Marius Becker
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Hannover

Herr Schätzing, in Ihrem aktuellen Buch schildern Sie die politisch verfahrene Situation in Israel. Als „Breaking News“ im März erschien, da konnten Rezensenten noch schreiben, dass das Thema Israel eine unendlich spannende Geschichte sei. Nun müsste man eher von einer unendlich blutigen Geschichte sprechen.
Es war auch bei Erscheinen des Buches schon eine blutige Geschichte. Nur nach Jahren relativer Ruhe nicht mehr so präsent. Was jetzt geschieht, erinnert uns daran, dass keines der Probleme dort unten gelöst ist.

Sie haben in Ihrem Thriller Terror gegen Israel beschrieben, aber hätten Sie auch mit einem Krieg wie diesem gerechnet?
Ich bin eher erstaunt, dass es so lange gut gegangen ist. Betrachten Sie, was im Nahen Osten geschieht, als zyklisch auftretende Symptome einer Krankheit, deren Ursache niemand zu bekämpfen bereit ist. Die Symptome werden also weiter auftreten. Wir sollten nicht so tun, als sei die jüngste Eskalation etwas Unerhörtes, das keiner auf dem Schirm hatte. Sie ist nur folgerichtig. Ende 2008 ist Israel zuletzt in Gaza eingerückt, die Hamas reagierte mit massivem Raketenterror, nichts hat sich seitdem verbessert.

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Sind Sie froh, dass Ihr Roman bereits im Frühjahr erschienen ist? Wahrscheinlich hätten Sie das Buch nach diesem aktuellen Krieg umschreiben müssen. Oder?
Nein, wozu? Die Handlung endet im November 2011. Rückwirkend ändern die Auseinandersetzungen dieser Tage nichts an der Story, im Gegenteil. Sie ist aktueller denn je. „Breaking News“ schildert, wie es überhaupt zu der Gemengelage kommen konnte, die uns wieder mal in Atem hält.

In „Breaking News“ beschreiben Sie die Geschichte Israels durchaus mit Sympathie. Kommt Ihnen die angesichts der Bilder aus Gaza abhanden?
Kommt mir die Sympathie für die Palästinenser abhanden angesichts des Terrors, den die Hamas gegen Israel entwickelt? Nein. Ein Volk in Kollektivhaftung zu nehmen, weil seine radikalen Minderheiten durchdrehen und seine Anführer versagen, mündet in Rassismus. Meine Sympathie für Israel ist ungebrochen. Warum gibt es diesen Staat? Weil ein Volk, das über Jahrhunderte blutigen Verfolgungen ausgesetzt war, eine Zuflucht brauchte. Die hat es sich erkämpft, auf die hat es ein verdammtes Anrecht. Eine ganz andere Feststellung ist, dass Benjamin Netanjahu und Typen wie Avigdor Lieberman dem Land nicht guttun, ebenso wie die Hamas den Palästinensern nicht guttut. Ich war in Israel, in der Westbank. Hier wie dort habe ich freundliche Menschen kennengelernt. Beiden wünsche ich von Herzen einen Staat, in dem sie in Frieden leben können, von jedermann respektiert. Für Hardliner, Betonköpfe und Terroristen hatte ich nie Sympathien, egal, auf welcher Seite sie stehen.

Ariel Scharon ist in Ihrem Buch ein Hoffnungsträger. Sein Schlaganfall spielt eine wichtige Rolle. Was denken Sie: Hängt das, was in Israel passiert, von einzelnen Politikern ab? Oder hat man es hier mit Problemen struktureller Art zu tun, die auch nur durch Änderung von Strukturen gelöst werden können?
Beides. Strukturen fallen ja nicht vom  Himmel. Es sind Menschen, die sie schaffen, und Einzelne, die Mehrheiten mobilisieren. Die Frage ist, ob die Politiker die Strukturen beherrschen oder umgekehrt. In Israel hat sich nach dem Sechstagekrieg 1967 – mit der Besetzung von Gebieten, die das Land geografisch zum biblischen Israel komplettierten – eine nationalreligiöse Rechte etabliert, die jeden Kompromiss mit den Palästinensern ablehnt und notfalls mit Waffengewalt bekämpft. Eine Minorität, die jedoch stetig an Macht gewinnt. Scharon war willens, denen die Stirn zu bieten – seinen früheren Verbündeten übrigens. Da hatten die mit Jitzchak Rabin schon einen Premier auf dem Gewissen. Doch Scharon hätte die Strukturen, die er selber mitgeschaffen hatte, noch einreißen können. Er hatte die Kraft. Und zudem begriffen, dass man sich ändern muss, damit die Welt sich ändert. Netanjahu ist da anders. Er will, dass die Welt sich ändert, damit er bleiben kann, was er ist, nämlich an der Macht. Und die Macht sichern ihm die Radikalen.

Aber wenn Netanjahu nun eine wundersame Wandlung durchliefe und die Westbank zur Disposition stellte ...
Bin ich dennoch nicht sicher, ob ihm gelänge, was Scharon gelang. Israels Militär, früher Abbild der Gesellschaft, ist heute durchsetzt von Nationalreligiösen, das Land zerrissener denn je. Ich frage mich schon, ob nicht Teile der Armee putschen, Israel in einen Bürgerkrieg taumeln würde – das Konfliktpotenzial zwischen jüdischen und arabischen Israelis ist gewaltig, und zwischen Linken und Rechten, Säkularen und Religiösen knallt es heftiger denn je. Netanjahu ändert die Strukturen nicht, er zementiert sie. Der Konflikt kommt ihm ja zugute, er lenkt ab von seiner misslungenen Sozialpolitik und sonstigen Problemen, also
hofiert er weiter die fanatischen Siedler, schürt die Ängste der Israelis vor äußeren Feinden, und leider gibt es keine wirkliche Gegenkraft zu ihm.

Auf der palästinensischen Seite sieht es nicht besser aus. Mahmud Abbas erscheint in diesen Tagen ziemlich hilflos.
Abbas ist im Grunde ein verständiger Mann. Er und Scharon kamen gut miteinander aus, sie hätten sich wohl über eine Rückgabe des Westjordanlandes einigen können. Seit der Machtübernahme durch die Hamas in Gaza muss sich Abbas jedoch mit einer Bevölkerung herumschlagen, die mindestens ebenso zerrissen ist wie die israelische, und er ist nicht bereit, die Radikalen abzuservieren. Die Hamas liegt am Boden, sie ist im eigenen Volk verhasst wie nie zuvor, selbst in der arabischen Welt weitgehend isoliert. Nichts hat sie erreicht. Politisch und wirtschaftlich versagt, die Menschen in Gaza ins Elend gestürzt. Sie kämpft ums Überleben, und überleben kann sie nur durch Eskalation. Also provoziert sie Israel im Wissen, dass man dort immer gleich mit allem, was das Arsenal zu bieten hat, draufhaut, auch auf Zivilisten, und hofft auf breite Radikalisierung.

Vielleicht gar eine dritte Intifada?
Natürlich. Das Problem ist aber auch, die Hamas kann den Kampf jetzt gar nicht einstellen. Dann wäre der Blutzoll umsonst entrichtet worden, ohne dass eine einzige ihrer Forderungen erfüllt wurde. Dann wäre sie vollends erledigt. Und Israel kann seine Offensive ebenso wenig beenden, ohne die Hamas bezwungen zu haben, weil man den Islamisten ringsum, von Al Qaida bis Isis, nicht das Gefühl vermitteln will, machtlos gegen Terror zu sein.

Sie sind Schriftsteller, kein Politiker, vielleicht hilft das dabei, die Situation im Nahen Osten mit mehr Distanz zu betrachten. Was denken Sie: Wie kann dort ein Friedensprozess eingeleitet werden?
Jedenfalls nicht so, wie es der konsensversessene Westen gern hätte: Zwei Streithähne setzen sich an einen Tisch, unterschreiben ein Dokument, Händeschütteln, und die Sache ist geritzt. Es geht schon damit los, dass ein Frieden der Politiker nicht automatisch ein Frieden der Völker ist. Zu viel Misstrauen hat sich da über Jahrzehnte angestaut.

Wie aber soll das Dilemma überwunden werden?
Mit Geduld. Es gibt keine Patentlösung. Nur den Weg der kleinen Schritte. Winzige Durchbrüche summieren sich auf. Man muss den Menschen Zeit geben. Auch in Europa hat es lange gedauert, bis stabile Strukturen entstanden.

Im Herbst wollen Sie mit „Breaking News“ auf Lesetour gehen. Werden Sie da eigentlich besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen?
Nein. Nicht mehr, als im Rahmen kultureller Veranstaltungen üblich ist. Der Pöbel, der die Ereignisse zur antisemitischen Stimmungsmache nutzt, interessiert sich nicht für mich, alle anderen kommen, um einen netten Abend zu verleben. Überschätzen wir meine Rolle nicht. Ich habe einen Thriller geschrieben, um Klarheit in die Wirrnis des Nahostkonflikts zu bringen. Nicht mehr und nicht weniger.

Ist ein Unterhaltungsroman eigentlich ein geeignetes Mittel, um so einen Brandherd der Welt richtig zu beschreiben?
Faktentreue und Fiktion stehen nicht im Widerspruch zueinander. Literatur und Film haben zu allen Zeiten historische Panoramen ausgebreitet, oft randschärfer als manch tendenziöses Geschichtsbuch oder eine hingerotzte Reportage. Nicht dass wir uns missverstehen: Großartige Korrespondenten erklären uns Tag für Tag die Welt. Unterhaltung kann diese Art der Berichterstattung nicht ersetzen, nur bleibt in der Atemlosigkeit der Aktualität kaum Zeit, die Hintergründe zu beleuchten. Je mehr wir also medial auf dem Laufenden sind und dem Konflikt in Echtzeit folgen, desto absurder scheint er uns. Da können Romane Abhilfe schaffen. Gegenüber dem Sachbuch haben sie den Vorzug, Millionen Leser zu erreichen, und das Wichtigste: Sie schaffen emotionale Zugänge, wo die Abendnachrichten auf Dauer abstumpfen. Und auf nichts sind die Menschen in den Krisenregionen so sehr angewiesen wie auf unsere Empathie.

Zur Person

Frank Schätzing gelang im Frühjahr 2004 mit dem Roman „Der Schwarm“ der Durchbruch. Das Buch wurde in 27 Sprachen übersetzt. Im März dieses Jahres kam Schätzings neuer Thriller in einer Startauflage von 500.000 Exemplaren auf den Markt. Held von „Breaking News“ ist der Kriegsreporter Tom Hagen, der in Israel auf die Spur einer großen Geschichte gerät. Für seinen Roman hat Schätzing in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten recherchiert.

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