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Weltweit Cannes vor dem Start
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19:24 14.05.2012
Von Stefan Stosch
Am Mittwoch beginnen in Cannes die 65. Filmfestspiele. Quelle: dpa
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Cannes

Marilyn Monroe ist schon da. Mit verführerisch gespitzten Lippen pustet sie die Kerze auf einem Geburtstagskuchen aus - und das ein halbes Jahrhundert nach ihrem Tod. Als Ikone des Weltkinos hat Monroe Unsterblichkeit erlangt, und nun ist sie Ehrengast auf den Plakaten des 65. Festivals von Cannes.

Das Monroe-Motiv, dem Billy-Wilder-Klassiker „Manche mögen’s heiß“ entnommen, wirkt geradezu bescheiden zwischen all den Ankündigungen von kommenden Kinoereignissen auf der Strandpromenade Croisette. Quentin Tarantinos Western „Django Unchained“ wird dort beworben, hoch oben am Carlton-Hotel macht ein überlebensgroßer „Spider Man“ Dehnungsübungen. Direkt über dem Haupteingang zeigt „Der Diktator“ alias Sacha Baron Cohen sein Konterfei. Den größten Coup landete Modemacher Jean-Paul Gaultier: Seine Models prangen häuserwandgroß unweit vom Festivalpalais - er selbst wird jeden Abend als Jury-Mitglied über die roten Stufen spazieren. So etwas nennt man Synergieeffekt.

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Rund 40.000 Gäste fallen in den nächsten knapp zwei Wochen in Cannes ein, aber noch herrscht Ruhe vor dem Sturm. Die Autoschlangen auf der Croisette sind den Lastwagen geschuldet, die mit der Ausrüstung für die Partyzelte am Strand anrücken. Spätestens von Mittwochabend an aber gilt der Ausnahmezustand. Dann eröffnet die Komödie von US-Regisseur Wes Anderson, „Moonrise Kingdom“, das Festival. Darin brennen zwei frühreife Zwölfjährige im Neuengland der sechziger Jahre durch, ein Schwarm von Hollywoodstars heftet sich an ihre Fersen, darunter Bruce Willis, Bill Murray und Tilda Swinton, die allesamt in Cannes erwartet werden.

Das US-Kino sei wieder erstarkt, behauptet Programmdirektor Thierry Frémaux. Gleich vier amerikanische Beiträge hat er im Wettbewerb positioniert, darunter den Todesstrafen-Thriller „The Paperboy“ mit Nicole Kidman (Regie: Lee Daniels) und den Gangsterfilm „Killing Them Softly“ mit Brad Pitt (Regie: Andrew Dominik). Typische US-Blockbuster sucht man vergeblich, sieht man vom Animationsspaß „Madagascar 3“ ab. Die „Men in Black“ sind zwar auf Premierentournee in Europa, weilten am Montag in Berlin, aber in Cannes lässt sich Alienjäger Will Smith nicht blicken.

Die Franzosen schicken drei Filmemacher. Das ist die übliche Quote für das Gastgeberland. Jacques Audiard zeigt sein Drama „De Rouille et d’Os“ (Rost und Knochen) um eine Orcatrainerin, gespielt von Oscarpreisträgerin Marion Cotillard. Leos Carax stellt „Holy Motors“ vor. Altmeister Alain Resnais erzählt in „Vous n’ avez encore rien vu“ (Ihr werdet Euch noch wundern) von einer Schauspieltruppe um Michel Piccoli.

Der 86-jährige Piccoli hat auch im Carax-Film einen Auftritt - und liegt damit voll im Trend: Eine ganze Reihe von Schauspielern schiebt Doppelschichten auf dem roten Teppich. Auch Cotillard lässt sich gleich zweimal blicken (bei Audiard und Resnais), ebenso Kidman (in „Paperboy“ und der Liebesgeschichte „Hemingway & Gellhorn“) und auch Robert Pattinson (in David Cronenbergs New-York-Odyssee „Cosmopolis“ sowie in Walter Salles‘ Verfilmung der Tramper-Bibel „On the Road“).

Filme von Frauen fehlen im Wettbewerb. Von Quotenregelungen halten die Festivalmacher weniger als ein deutscher Dax-Konzern - was einige französische Regisseurinnen auf die Palme gebracht hat. Sie protestieren unter dem Motto: „Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme.“ Cannes unter dem Verdacht der Frauenfeindlichkeit - ein Vorwurf, bei dem man sich nur wundert, warum er erst jetzt laut wird.

Die Festivalmacher setzen wie gewohnt auf bewährte Kräfte. Vier der insgesamt 22 Wettbewerbsteilnehmer haben bereits Goldene Palmen zu Hause stehen: der Brite Ken Loach, der Österreicher Michael Haneke, der Iraner Abbas Kiarostami und der Rumäne Cristian Mungiu.

Man fragt sich, wo in diesem illustren Feld die Deutschen untergekommen sind. Die Antwort: gar nicht. Das hindert Kulturstaatsminister Bernd Neumann nicht daran, am Montag „New Films from Germany in Cannes“ am Strand zu feiern. Fatih Akin zeigt außer Konkurrenz seine Langzeit-Umweltdokumentation „Der Müll im Garten Eden“, ist dann aber schon wieder abgereist - er wird in diesen Tagen Vater. Eicke Bettinga, einst Nordmedia-Stipendiat in Hannovers Villa Minimo, stellt den Kurzfilm „Gasp“ vor.

Cannes bleibt, wie es immer war. Oder etwa doch nicht? Präsident Gilles Jacob hat eine Beschwörungsformel an die Cineasten dieser Erde gerichtet, aus der Verunsicherung herausklingt: Die Unschuld des Kinos sei verloren, die Art zu filmen sei eine andere, dazu Piraterie, Filme auf Handys... Dagegen setzt der große alte Mann von Cannes die „Leidenschaft für ein radikales Kino der Autoren“.

Anderswo könnte der heilige Ernst solcher Worte irritieren. In Cannes gründet darauf die Geschäftsgrundlage. Pfingstsonntag wird Jury-Präsident Nanni Moretti den Palmen-Sieger des 65. Festivals verkünden.

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