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Weltweit Comics behandeln auch komplexe Themen
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12:25 11.05.2013
Von Kristian Teetz
Die Mitarbeiter des Comicgeschäfts Comix, Matti Kösel (l.) und Julian Klippert, zeigen Comichefte, die heute verteilt werden. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Comics, das ist doch etwas für Kinder. Oder für Leute, die sonst nicht lesen. Jedenfalls nichts für gebildete Menschen. Dieses ganze Crash! Boom!! Bang!!! Dieses „Wrooooar“ und dieses „Wuuuuusch“. So oder so ähnlich lauteten über Jahrzehnte die Urteile über gezeichnete Geschichten. Comics fristeten in der Welt der Erwachsenen ein Nischendasein. Kinder wuchsen zwar mit Donald Duck und Micky Maus, mit Asterix und Obelix, mit Lucky Luke und Rantanplan, mit Superman und den Fantastischen Vier auf. Doch wer ein gewisses Alter überschritten hatte, sollte sich besser nicht mit Comics sehen lassen, wenn er nicht als verschrobener Typ gelten wollte. Auch Buchläden boten nur in den seltensten Fällen Comics an, höchstens ganz hinten links in der Ecke ein paar Asterix-Bände.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute haben Buchgeschäfte ganz selbstverständlich eine Comic-Ecke eingerichtet. Das liegt zum einen am Erfolg der Mangas. Die japanischen Büchlein, die von rechts nach links zu lesen sind, bilden heute das bei Weitem erfolgreichste und auflagenstärkste Segment. Wer einmal die Masse der Kinder und Jugendlichen gesehen hat, die als Mangafiguren verkleidet über die Leipziger Buchmesse laufen, weiß, welche Faszination diese Geschichten ausüben.

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Zum anderen aber haben die sogenannten Graphic Novels die Bildergeschichten aus der bildungsbürgerlichen Schmuddelecke herausgeholt. Der Begriff Graphic Novel taucht erstmals 1978 im Untertitel von Will Eisners „A Contract with God“ auf (Deutsch: „Ein Vertrag mit Gott“,  zweitausendeins, 1980). Vom Comic unterscheiden sich diese grafischen Romane mehrfach: Comics leben von fast schon unendlich variierender Wiederholung. Immer wieder tauchen die gleichen oder ähnliche Konflikte und Konstellationen auf, ohne dass eine Entwicklung zu beobachten ist. Das Verhältnis von Charlie Brown zu Lucy ändert sich in all den Peanuts-Strips ebenso wenig wie die Tollpatschigkeit von Donald Duck in den Disney-Comics. Selbst wenn Donald in einer Episode mal zum Held mutiert, steht beim nächsten Mal alles wieder auf Anfang: Donald ist und bleibt ein Trottel, seine drei Neffen nervende Klugscheißer. Und das kleine rothaarige Mädchen wird für Charlie Brown immer unerreichbar bleiben. In Graphic Novels hingegen wird auf Wiederholung verzichtet. Handlungen haben in diesen Geschichten Konsequenzen. Was in ihnen geschieht, lässt sich nicht umkehren. „Insofern haben Graphic Novels, ein Stück weit unabhängig von ihren Inhalten, den Comic ,realistischer‘ gemacht, ihn näher an die Lebenswirklichkeit der Leser gerückt“, sagt der Publizist Christoph Haas.

Maßgeblich zum wachsenden Ansehen der Graphic Novel hat Art Spiegelmans „Maus“ beigetragen. Der New Yorker Zeichner erzählte in seinen beiden Bänden 1986/1991 (Deutsch: 1989/1992) die Geschichte seines Vaters, der die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebte. Als erster Comiczeichner erhielt Spiegelman 1992 den Pulitzerpreis. Einen weiteren Schub gab dem Genre Marjane SatrapisPersepolis“. Die Exil-iranerin verarbeitet darin ihre Kindheit und Jugend während der iranischen Revolution. Das Buch verkaufte sich weltweit mehr als eine Million Mal.

Seitdem wächst das Interesse von Verlagen, Lesern und dem Feuilleton kontinuierlich. Immer mehr deutsche Zeichner rücken ins Blickfeld, immer mehr internationale Werke werden übersetzt. Mittlerweile existiert sogar eine Reihe von Graphic Novels, die sich ausdrücklich an Frauen richtet. Dort erschien zuletzt der eindrucksvolle Bildroman „Wie ein leeres Blatt“ von Boulet und Pénélope Bagieu (Carlsen, 208 Seiten, 17,90 Euro), in der eine junge Frau das Gedächtnis verliert und sich auf die Suche nach dem eigenen Ich begibt.

Viele Autoren nutzen ähnlich wie Art Spiegelman die Möglichkeiten des grafischen Romans, komplexe historische oder zeitgenössische Themen zu verarbeiten. So wagen sich der Journalist David Schraven und der Illustrator Vincent Burmeister in „Kriegszeiten. Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan“ (Carlsen, 128 Seiten, 16,90 Euro) an das schwierige Thema Bundeswehrmission am Hindukusch. Entstanden ist eine packende, sehr gut lesbare, gezeichnete Reportage. Schraven stützt sich auf langjährige Recherchen und hat die deutschen Truppen in Afghanistan besucht. „Kriegszeiten“ ist für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Euphorisch wurde in Comickreisen in diesem Jahr die deutsche Übersetzung von Chris Wares trauriger Geschichte „Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt“ (Reprodukt, 384 Seiten, 39,90 Euro) gefeiert. Zu Recht. Denn der Zeichner aus Chicago hat ein grafisch hochkomplexes Werk geschaffen. Es erzählt die Geschichte von Jimmy, der alles andere ist als ein kluges Kind. Der Büroangestellte wird täglich von seiner Mutter angerufen, er selbst bleibt blass und leidet unter der langen Abwesenheit seines Vaters. Parallel wird die Geschichte von Jimmys Großvater erzählt, der wiederum ein gestörtes Verhältnis zu seinem anwesenden Vater hat. Vor allem die einzelnen Bilder – in der Comic-Sprache „Panels“ genannt – faszinieren den Leser in ihrer überbordenen Vielfalt. 13 Jahre hat es gedauert, bis das Comicmeisterwerk auf Deutsch erschienen ist.

Viele Klassiker der Literaturgeschichte erleben in Graphic Novels eine Neuauflage. Neu auf dem Markt ist „Der Process“ nach Franz Kafka (Knesebeck, 127 Seiten, 22 Euro). In dunklen, suggestiven Bildern erzählen der Schriftsteller David Z. Mairowitz und die Zeichnerin Chantal Montellier von Josef K., der an seinem 30. Geburtstag verhaftet wird, ohne dass er erfährt, aus welchem Grund.

Vor allem der Knesebeck-Verlag hat sich in den vergangenen Jahren auf dem Gebiet der gezeichneten Biografie etabliert. Dort wurde jüngst die Lebensgeschichte des Malers Egon Schiele veröffentlicht. „Egon Schiele. Ein exzessives Lebens“ (72 Seiten, 19,95 Euro) spielt in Wien in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Schiele wird von Gustav Klimt gefördert, doch er bleibt ein Außenseiter. Seine Werke, vor allem seine Akte, galten vielen als zu obszön. Xavier Coste zeigt in ausdrucksstarken Bildern, was es hieß, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein exzessives Leben zu führen.

Es war ein Leben mit Krawumm!

In den Comicgeschäften liegen am heutigen Gratis-Comic-Tag zahlreiche Hefte aus, die sich Fans kostenlos mitnehmen können. Die gezeichneten Geschichten gibt es während der üblichen Öffnungszeiten bei Comix (Goseriede 10, 9.30 bis 18 Uhr) und in der Buchhandlung Lehmanns (Georgstraße 10, 10 bis 20 Uhr).