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Weltweit Cumberlandsche zeigt „Fabian" von Erich Kästner
Nachrichten Kultur Weltweit Cumberlandsche zeigt „Fabian" von Erich Kästner
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18:33 17.05.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Unsachliche Romanze: Jakob Fabian (Florian Hertweck) und Cornelia Battenberg (Juliane Fisch) sind trunken – und zwar nicht nur von Liebe. Quelle: Kathrin Ribbe
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Hannover

Die nächste Zukunft hatte den Entschluss gefasst, mich zu Blutwurst zu verarbeiten. Was sollte ich bis dahin tun? Bücher lesen? An meinem Charakter feilen? Geld verdienen? Ich saß in einem großen Wartesaal, und der hieß Europa.“ Fabian erinnert sich hier an seine Militärzeit im Ersten Weltkrieg und versucht seinem Freund Labude klarzumachen, wieso er immer lieber der distanzierte Zuschauer bleibt und aufs „Vorwärtskommen“ dankend verzichtet. Plötzlich ganz ernst geworden verteidigt er hier sein Lebensmotto: „Ich kann vieles und will nichts.“

Erich Kästners Erwachsenenroman „Fabian“ - erschienen 1931, nach den Kinderbüchern „Emil und die Detektive“ und „Pünktchen und Anton“ - ist ein großartiges Epochengemälde. Der Roman spielt in den zwanziger Jahren in Berlin und zeigt eine atemlose, gierige Welt nach dem Ende einer großen Party und vor der großen Katastrophe. Die Nazis haben das Buch auf ihrem Scheiterhaufen verbrannt. Erich Kästner war sogar anwesend, als Joseph Goebbels rief: „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“

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Kästners Großstadtpanorama könnte auch ein Roman von heute sein. Und wer den „Fabian“ heute (wieder) liest, mag staunen über den hellsichtigen Autor, die lakonische Klarheit seiner Sätze und die Aktualität seines Themas. „Fabian“ ist ein Roman, den man immer mal wieder lesen kann. Und an den man immer mal wieder erinnern sollte. Zum Beispiel, indem man ihn auf die Bühne bringt.

Nick Hartnagel hat „Fabian“ jetzt für die Cumberlandsche Bühne eingerichtet. Die Textfassung, die der Regisseur selbst aus dem Roman herausdestilliert hat, ist sehr gelungen. In knapp zwei Stunden ist fast der ganze „Fabian“ erzählt, nur einige Episoden, wie die Schießerei zwischen dem Nazi und dem Kommunisten und der Schluss, fehlen. Um den Schluss ist es ein bisschen schade, denn Fabian, der Moralist und Beobachter, der distanziert neben allem steht, springt in einen Fluss, um einen kleinen Jungen zu retten. Das Problem dabei: Der kleine Junge kann schwimmen, Fabian nicht.

Das Verblüffende an Hartnagels Fassung: Sie kommt ohne Erzähler aus. Das ist bei Romanadaptionen nicht der Normalfall. Viele Romane – besonders beliebt: Thomas Mann und Franz Kafka - sind in den vergangenen Jahren auf die Bühnen gebracht worden. Für das zeitgenössische Theater gilt: Prosa ist die neue Dramatik. Erzähler erobern die Theater. Oft ist dabei die Erzählerfigur auf die Darsteller verteilt, die immer wieder aus dem Spiel aussteigen und berichten, was sonst noch passiert oder wie man sich gerade so fühlt. Dabei sprechen sie über sich selbst in der dritten Person. Es ist anerkannte Theaterschizophrenie.

Nick Hartnagel entzieht sich ihr. Er hat es tatsächlich geschafft, den gesamten „Fabian“ in Theater zu überführen. Alles wird gespielt, nichts wird erzählt. Und wie es gespielt wird: phantasievoll, traurig, furios, ergreifend. Zwar in Kostümen der zwanziger Jahre (von Mareike Hantschel, die auch die einem Probenraum ähnelnde Bühne eingerichtet hat), aber immer auch ganz nah an unserer Gegenwart.

Nick Hartnagel arbeitet mit einem tollen Ensemble: Florian Hertweck ist ein schlaksiger (ein wenig an Karl Valentin erinnernder) Fabian, Juliane Fisch spielt Cornelia Battenberg, die Fabian liebt, sich dann aber aus Karrierekalkül doch einem Filmproduzenten hingibt. Sehr witzig ist die Szene, in der sie einander kennenlernen: beide stockbesoffen. Juliane Fisch gelingt hier die wundersame Verwandlung von Worten in reinen Klang. In vielen kleineren Rollen sind Jakob Benkhofer, Dominik Maringer und Julia Schmalbrock zu sehen. Und alle machen ihre Sache gut.

Henning Hartmann spielt Stefan Labude, den Freund von Jakob Fabian, der an die Möglichkeit besserer Verhältnisse glaubt und sich am Ende umbringt. Zu den großen Momenten des Abends gehört ein längerer Monolog, in dem Labude seinem Freund davon berichtet, wie er beobachtet hat, dass die Frau, die er liebt, ihn mit einem anderen betrügt. Henning Hartmann spricht das alles ganz sachlich aus (was natürlich sehr gut zu Kästner, diesem Erzähler der neuen Sachlichkeit, passt); seine Stimme ist belegt, man hört und spürt, wie gefühlswund der Betrogene ist. Dann bricht es plötzlich aus ihm heraus, er schreit und wütet und weint. Doch es gelingt ihm schnell, sich wieder unter Kontrolle zu bringen und die ganze traurige Angelegenheit mit einer energischen Handbewegung fortzuwischen. Um dann doch wieder zu verzweifeln. Eine großartige Szene.

Ob die aufs Konto des Regisseurs geht oder eher auf das der Schauspieler, ist nicht leicht auszumachen. Nick Hartnagels Regie wirkt jedenfalls ein bisschen unentschlossen. Der – dem Thema durchaus angemessene – Video- und Musikeinsatz vom Beginn scheint jedenfalls bald in Vergessenheit zu geraten. Man landet mehr und mehr beim Schauspiel. Aber das muss ja kein Nachteil sein.

Wieder am 21. und 31. Mai, sowie am 16. Juni. Karten unter der Telefonnummer (0511) 99991111 oder unter www.schauspielhannover.de