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Weltweit Das Schicksal des Ostens
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11:19 14.11.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Ansichten aus Estland: Beatrice Frey mit Sandro Tajouri Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Immer, wenn aus den Lautsprechern Fliegensummen ertönt, wischt die alte Aliide (Beatrice Frey) kurz mit dem Lappen über den Tisch. Dann ist Ruhe. Witziges Bild.

Regisseur Albrecht Hirche hat eine schöne szenische Phantasie. Er schafft – als Regisseur genauso wie als Bühnenbildner oder Videokünstler – große, starke, klare Bilder, die immer ungewöhnlich, aber – wie das Fliegenbild – in der Regel verständlich sind.

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Jetzt hat er sich für das Schauspiel Hannover einen wichtigen und spannenden Roman vorgenommen: „Fegefeuer“ der finnischen Autorin Sofi Oksanen. Sie erzählt eine Geschichte aus Estland. Es ist eine Geschichte von Gewalt und Unterdrückung, von Lager und Liebe und von Frauen, die zumeist Opfer sind, aber das nicht bleiben müssen. In Finnland war „Fegefeuer“ (dessen Originaltitel „Puhdistus“ man auch mit „Purgatorium“ oder „Reinigung“ übersetzten könnte) ein großer Erfolg; das Buch verkaufte sich hervorragend, und die Autorin wurde mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch das gleichnamige Theaterstück, aus dem Oksanen später den Roman gemacht hat, war sehr erfolgreich.

Auf der Cumberlandschen Bühne hatte jetzt nicht die Übersetzung von Oskanens Stück, sondern eine eigene Fassung von Albrecht Hirche Premiere. Neben der Textfassung und der Regie war Hirche auch für das Bühnenbild, die Kostüme und die Videos zuständig; allein die Musik, die das Stück an vielen Stellen begleitet, stammt nicht von ihm. Die hat Malte Preuss beigesteuert, mit dem Hirche seit seinen frühen Regiearbeiten mit dem wunderbaren „Theater Mahagoni“ in Hildesheim zusammenarbeitet.

Musik spielt hier eine wichtige Rolle, weil den Regisseur neben Oksanens Geschichte, die im Estland des Jahres 1992 beginnt und mehr als ein halbes Jahrhundert estnischer Geschichte durchstreift, noch etwas anders interessiert. Hirche spielt mit estnischer Folklore. Das fängt mit den Landesfarben an: Das Weiß, Blau und Schwarz der Flagge findet sich im Bühnenbild wieder. Die Kostüme wirken wie etwas übertriebene Landestrachten. Ab und zu singen die Darsteller traurig-schöne estnische Volkslieder, und ein bisschen Sprachunterricht gibt es auch: Eine Art Hostess, die schöne Liisi Salumaa, reicht wiederholt Requisiten durch eine Klappe im Bühnenbild und spricht dabei den estnischen Namen der Dinge ins Mikrofon. Die Folklore, die dem Stoff anhaftet und anderen Regisseuren vielleicht Probleme bereiten würde, geht Hirche offensiv an und wendet sie ins Witzige, ohne sich dabei ironisch von ihr zu distanzieren.

Die Frage, warum man in Hannover überhaupt ein Stück zur Geschichte Estlands auf die Bühne bringt, beantwortet nicht nur ein treffendes Zitat der Autorin aus dem Programmheft („Europa ist nicht vereint, solange der Westen das Schicksal des Ostens nicht begreift. Deswegen schreibe ich nicht für die Esten, sondern für den Rest der Welt“), sondern am Ende auch die Inszenierung. Man erfährt etwas über ein europäisches Land, dessen Schicksal über viele Jahre das der Besatzung war, und man erfährt etwas über die spezifische Unterdrückung von Frauen in diesem Land, die in gewisser Weise bis heute anhält.

Die Handlung bewegt sich über mehrere Jahrzehnte, kommt aber immer wieder auf das Jahr 1992 zurück. Da findet Aliide Truu (die Beatrice Frey vielleicht ein bisschen zu karg und zu clownesk anlegt), ein zusammengekrümmtes Menschenbündel auf ihrem Hof. Am Ende weiß man, wie das Schicksal der beiden Frauen zusammenhängt und was der estnische Freiheitskämpfer Hans Pekk (Rainer Frank) damit zu tun hat, den Aliide auf ihrem Hof versteckt hat.

Später wird sie auch das Mädchen (verletzlich, kindlich und trotzdem recht zupackend: Lisa Natalie Arnold) verstecken. Die Leute, die auf den Hof kommen und nach den Untergetauchten suchen, sind entweder Parteifunktionäre oder Zuhälter – Sandro Tajouri ist in beiden Rollen zu sehen.

Oksanens Roman ist drastisch in der Schilderung von Gewalt und von sexueller Unterdrückung. Die Schwierigkeit, den Realismus des Romans oder des möglichen (und in diesem Fall auch geplanten) Kinofilms zu überwinden, ohne im Grotesken oder Ironischen zu landen, löst Hirche ganz souverän: durch starke, klare Bilder, offensive Folklore und starke Schauspieler, die das Leiden nicht mit Tränen in den Augen spielen, sondern manchmal sogar tanzen.

Wieder am 19. und 27. November.

Ronald Meyer-Arlt 14.11.2011