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Weltweit Das etwas andere Stadttheater
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11:04 14.11.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Aber gern: Die Kulturfiliale lädt ins Kasino.
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Hannover

Die Anweisung war deutlich: „Überquere die Straße, und gehe auf das Spielkasino zu“. Da ist es ja schon. „Spiel mit“ heißt es. Wie passend. Die „Kulturfiliale“, die derzeit erfindungsreichste freie Theatergruppe Hannovers, Das ist auch als Aufforderung zu verstehen, denn man wird in der Tat ein bisschen mitspielen müssen bei diesem zweistündigen Theaterprojekt, aber mehr noch spielt die Stadt mit einem.

„T.R.I.P.“ („The Reality in Pieces“) ist der Titel der theatralischen Stadtbegehung, und das passt, denn schließlich ist jeder Trip anders. Die Teilnehmerzahl gibt zu Renditeüberlegungen Anlass: Das ganze Spiel findet jeweils nur für einen einzigen Zuschauer statt. Der hat viel zu tun, und die Schauspieler haben viel mit ihm zu schaffen. Zwei Stunden wandert, schlendert, rennt und fährt der Zuschauer durch die Stadt. Und immer wieder passiert etwas. Fremde Menschen berühren ihn an der Schulter und raunen ihm Aufforderungen wie „Folgen Sie dieser Frau“ zu. Die eilt dann nicht nur die Straße entlang, sondern auch durch einen Supermarkt. Man könnte glatt etwas einkaufen, denn beim Einchecken in die Spielwelt haben einem die Theaterleute nicht nur eine Fahrkarte, ein Handy, einen iPod Nano, sondern – wie nett – auch etwas Kleingeld mit auf den Weg gegeben.

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Die Verabredung für diese Form von Stadttheater sind einfach: Der Zuschauer soll den Anweisungen folgen und zuschauen. Ins Spiel eingreifen darf er nicht. Man taucht in eine Welt ein, von der es heißt, sie sei ein Computerspiel. Die Grafikkarte muss gigantisch sein, denn ihre Leistung ist verblüffend: Die Welt sieht aus wie die, die wir kennen – und doch anders. Was ist Spiel? Alles ist unsicher, fragil – man selber auch.

Zwei Stunden dauert der geführte Stadtspaziergang – und er ist an keiner Stelle langweilig. Man wird an Orte geführt, die man aus eigenem Antrieb wohl nie aufgesucht hätte, und man sieht erstaunliche Dinge. Oft weiß man nicht, was zur Inszenierung gehört und was nicht, aber wenn plötzlich jemand mit einem riesigen Schild auftaucht, auf dem der Vorname des Zuschauers steht, dann weiß man genau: Showtime!

Ganz neu ist diese Art von Stadttheater nicht, „Rimini Protokoll“ etwa hat auch schon mit dem Stadtraum gespielt. Neu aber ist diese wunderbare und irgendwie auch utopische Verschwendungslust eines freien Theaters, solch einen Aufwand für jeweils nur einen Zuschauer zu betreiben. Der Effekt ist beachtlich: Den Kulturfilialsten gelingt es, der Stadt, ach was, der Welt, einen anderen Rahmen zu geben. Es ist ein Weltverzauberungstheater.

Für „T.R.I.P“ werden keine Eintrittskarten, sondern „Zeitkontingente“ (zu Preisen von 12 bis 28 Euro) verkauft – am Ticketcontainer auf dem Steintorplatz oder unter Telefon (01 57) 87 34 01 43.