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Weltweit „Das ist unser Land!“ – Nazis vor den Pforten
Nachrichten Kultur Weltweit „Das ist unser Land!“ – Nazis vor den Pforten
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00:00 23.08.2017
Ein Menschenfänger: Der alte Dr. Berthier (André Dussolier) möchte die Krankenpflegerin Pauline Duhez (Catherine Jacob) für seine pseudodemokratische Rechtspartei gewinnen. Quelle: Foto: Alamode
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Hannover

„Alle kennen sie, alle mögen sie.“ Der alte Dr. Berthier (André Dussolier) hat in der Krankenpflegerin Pauline Duhez (Catherine Jacob) die ideale Kandidatin für die Kommunalwahlen gefunden. „Und hübsch ist sie auch noch“, stimmt die Parteivorsitzende ein. Berthiers Werben um Pauline ist Schmeichelei und Dringlichkeit in einem: Den Frauen gehöre die Politik, was zähle, sei allein das Volk, dem es nicht gut gehe. Pauline, die allein zwei Kinder großzieht, hat genug Alte gesehen, die in ihren grauen Wohnungen auf den Tod zu leben, genug Arme, Kranke, Immigranten im Elend. Soll sie bei der Kommunalwahl für die Partei von Agnès Dorgelle (Catherine Jacob) antreten, der Tochter des rechtsextremen Parteigründers? Berthier scheint zu aufdringlich, aber Dorgelles Charisma verfängt.

Die Bezüge zum Front National sind offensichtlich

Das bis zum letzten Bild eindringliche Politdrama „Das ist unser Land!“ ist ein Plädoyer für den Schutz der Demokratie und handelt kaum verhohlen vom Front National, von Vater Jean und Tochter Marine Le Pen, vom Faschismus mit der bemüht freundlichen Maske, der zurzeit in die „normalen“ Bevölkerungsschichten vordringt, im Frühjahr in Frankreich zwar eine Abfuhr erhielt, aber weiterhin gefährlich mit der Sehnsucht der Franzosen nach Rettung und Neubeginn spielte und spielt.

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Regisseur Lucas Belvaux zeichnet in seinem Film mit Jérome Leroy (Romanautor von „Der Block“) ein wahrheitsgetreues und beängstigendes Bild der neuen Rechten. Er lässt die Heldin, die ins Netz gerät, keine idealistische Naive sein. Seine Nazis sind keine „Sieg-Heil!“-Brüller, sie trennen sich von ihrem schlägernden Lumpenproletariat, um wählbar zu werden, gerieren sich nach außen als Wohlwoller und Weltverbesserer. Gelegentlich aber, wenn sie unter sich sind, frönen sie dem Rassenhass, träumen den alten großen Nazitraum von der Herrenmenschenwelt. Und sie wollen später auch wieder die Straßeerobern. Stirbt dort wer, ist er entweder Dreck oder Märtyrer. Es ist der alte, böse Schoß, aus dem das neue Rechts kriecht, warnt uns Belvaux’ Film. Europaweit. Und es sind beileibe nicht mehr die Anfänge, denen es zu wehren gilt.

Von Matthias Halbig / RND