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Weltweit „Das wird ein Superding“
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21:19 11.04.2014
Helmpflicht: Sponsoren bei einer Begehung des Erweiterungsbaus in der vergangenen Woche. Dem Modellentwurf (unten) kommt die Realität indes schon ziemlich nahe. Quelle: Rainer Surrey
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Was gibt es hinter der Fassade?

Auf jeden Fall besondere innere Werte. Zuallererst natürlich das Placement mit dem neuen, zweiten Eingang und der großen Galerie- und Treppenspirale. Das wird der Angelpunkt des Museums, er öffnet den Blick zur Museumsstraße im Altbau und den Zugang zum Neubau, die Drehscheibe, die alle Funktionen bündelt und überdies noch mit der Dramatik der barocken Aufgangsrampe spielt. Dann im Neubau die gegeneinander versetzten „tanzenden Räume“. Und die drei Loggien, die den Museumsbesuchern den Blick nach draußen und Raum zum Nachlesen oder Nachdenken bieten, was ja schließlich Teil des Kunstgenusses ist.

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„Entwerfen ist für uns eine Recherche im gegebenen Themenfeld“, lautet einer Ihrer Kernsätze. Wie haben Sie für das Sprengel Museum recherchiert?

Vor allem haben wir lange untersucht, wie wir den Alt- und den Neubau zusammenbringen können, ohne beiden Gewalt anzutun …

… womit Sie Erfahrung haben: Meili und Peter haben rund ein halbes Dutzend Entwürfe für Museen realisiert, darunter auch Erweiterungen, etwa beim Kunsthaus Zürich, dem Baseler oder Bündner Kunstmuseum. Konnten Sie an solche Erfahrungen anknüpfen? Oder betritt man immer wieder Neuland?

Es gilt wohl beides. Architekten sollten nicht Moden folgen, weder aktuellen noch denen der Ursprungszeit eines Museums. Wir sind da relativ konservativ. Wir denken, dass Änderungen begründet sein müssen, dass es keine Formspielereien geben sollte, sondern die Form der Funktion folgen muss. Die Architektur schafft den Museen die Bühne, tritt aber nicht selbst darauf auf.

„Tanzende Räume“ hatten Sie schon in einem Entwurf für Basel, in Hannover werden sie jetzt realisiert. Wozu versetzt man Museumsräume gegen den rechten Winkel, wozu schafft man unterschiedliche Raumhöhen?

Die drei Dimensionen des Raumes orientieren sich am Körper des Menschen, am menschlichen Maß. Es gibt längliche Räume, die eher Wegen entsprechen, und quadratische, die eher wie Plätze sind. Verschiedene Raumhöhen sollen sowohl für kleinere Kabinettsausstellungen wie auch für großflächigere Bilder den jeweils angemessenen Rahmen schaffen. Na, und mit den „tanzenden Räumen“ wollen wir die Museumsbesucher sozusagen aus dem Durchmarschrhythmus bringen, sie zur Drehung, gleichsam zum Walzer auffordern.

Eine Strategie der Entschleunigung?

Das ist es. Es geht darum, zum Innehalten in den Ausstellungsräumen zu bewegen und auch der Monotonie einer langen, rechtwinkligen Enfilade zu begegnen.

Teils geht es ja um Standards der Klima-, Sicherheits- oder Lichttechnik. Was unterscheidet da einen Museumsbau von einer beliebigen Mehrzweckhalle?

Der deutsche Museumsbau ist absolute High-End-Architektur. Der Neubau kostet vielleicht mehr als 30 Millionen Euro, aber er soll ja auch Museumswerte von mehr als 500 Millionen Euro schützen. Die Temperatur muss stabil sein, die Luftfeuchtigkeit darf weder am Boden noch unter der Decke mehr als ein Prozent betragen. Die Exponate dürfen, trotz Oberlichtern, nirgends mehr als 200 Lux ausgesetzt sein. Das allein erfordert aufwendige Verdunkelungsanlagen, die mit Lamellentechnik und Elektromotoren vollautomatisch auf den Sonnenstand reagieren.

„Hier wird kein Mercedes gebaut, hier entsteht ein Lamborghini“, sagt der hannoversche Gebäudemanager Heidenbluth. Wird der Neubau so anfällig, wie es solche Sportwagen oft sind?

Das ist zwar ein anspruchsvolles Bauwerk, aber wir bauen keine Insellösungen ein, nichts, das nicht schon erprobt ist. Wir haben ein halbes Dutzend Erkundungsreisen in Museen quer durch Deutschland hinter uns, gemeinsam mit Technikern des Sprengel Museums, damit die im Museumsalltag keine bösen Überraschungen erleben.

Haben sich auch solche besonderen Anforderungen zeitraubend und kostentreibend ausgewirkt? Immerhin könnte allein der Zeitverzug zu 1,5 Millionen Euro zusätzlichen Kosten führen.

So wirken sich vor allem die Vorgaben des deutschen Bau- und des EU-Vergaberechts aus. Wenn es für Türen von 3,50 Metern Breite nur einen Hersteller gibt, gibt es keinen Wettbewerb mehr. Für mich ist es schon abenteuerlich zu erleben, wie sich da Unternehmen aus der öffentlichen Hand zu bereichern versuchen.

Eine Verzögerung hat sich ja durch die Umorientierung von einer verspiegelten Glas- zu einer polierten, anthrazitfarbenen Betonfassade ergeben, die billiger sein soll. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Wir sind sehr froh darüber, und diese Umentscheidung ist auch seitens der Stadt und des Beirats gar nicht zuerst eine Kostenfrage gewesen. Optisch kontrastiert dunkler Beton viel besser zur weißen Fassade des Altbaus. Und was hätten die Museumsbesucher von den Loggien, wenn die hinter Glas verschwunden wären?

Oft beklagt wird auch, dass der Neubau nicht Bezug auf den Altbau nimmt …

Das stimmt so nicht. Wir knüpfen da in der Traufhöhe und der Linienführung an. Wir haben aber den Altbau nicht einfach als Fortsetzung des Neubaus entworfen. Alt- und Neubau bilden ineinander verwobene Kontraformen - der weiße Altbau sitzt innerhalb des Natursteinwalls, der dunkle Neubau kragt darüber hinaus, fast wie Yin und Yang, und dazwischen die Rotunde des Placements. Also, ich bin sicher: Das wird ein Superding.

Zur Person

Markus Peter ist zusammen mit Marcel Meili Gründer von Meili, Peter Architekten, einem Architektenbüro, das seit Jahrzehnten zahlreiche öffentliche sowie private und oftmals preisgekrönte Gebäude entworfen hat und besonders im Museumsbau erfahren ist. Von Meili und Peter stammen etwa die Entwürfe für das Kunstmuseum Basel und das Museum Gewandhaus Dresden. Vor dem Sprengel-Erweiterungsentwurf, den die Jury als „neu, intelligent und inspirierend“ im Architektenwettbewerb ausgewählt hat, haben Meili und Peter schon die Erweiterungen des Bündner Kunstmuseums und des Kunsthauses Zürich entworfen. Der 57-jährige Peter hat in Berlin Philosophie und in Winterthur Architektur studiert, arbeitet seit 1987 mit Marcel Meili zusammen, ist seitdem auch Dozent an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und seit 2002 dort Professor für Entwurf und Konstruktion.

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