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20:09 12.09.2011
Der Schmerz der frühen Jahre: Regisseur Oskar Roehler legt sein Romandebüt „Herkunft“ vor. Quelle: Gerald von Foris
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Die Absicherungsformel folgt auf der letzten Buchseite: Alle handelnden Personen seien frei erfunden, Ähnlichkeiten mit realen Menschen rein zufällig, heißt es dort. Das wirkt wie eine Beschwörung, so als wolle sich der Autor seinen eigenen Roman vom Leib halten.

Doch für eine Distanzierung ist es nach knapp 600 Seiten zu spät. Dieser Roman heißt „Herkunft“, der Autor Oskar Roehler, bislang bekannt als Regisseur von eher unkonventionellen Filmen wie „Suck my Dick“ oder „Elementarteilchen“. Er hat sich zu dem Buch von den Werken seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, und seines Vaters, des Lektors Klaus Roehler, inspirieren lassen – und gibt am Ende sogar die genauen Quellen an. Über drei Generationen hinweg bleibt Roehler verdammt nahe dran an der Geschichte seiner Familie, in der sich auch die Geschichte dieser Republik spiegelt.

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Schon als Kinoregisseur hat Roehler die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion verwischt: In „Die Unberühr­bare“ (2000) porträtierte er die Frau mit der Kleopatra-Perücke und der Kajal-Kriegsbemalung, die seine Mutter war, aber diese Rolle nie ausfüllen wollte. Gisela Elsner verschwand aus seinem Leben, als er drei Jahre alt war – das dürfte ein prägender Schock im Leben des Kindes Oskar gewesen sein, das hier Robert heißt. 1992 stürzte sich Elsner aus dem Fenster einer Münchener Psychiatrie, als Todessüchtige wird sie auch von Beginn an im Roman geschildert.

Vielleicht ist es aber gar nicht so wichtig, nach den autobiografischen Quellen zu fahnden. „Herkunft“ ist kein Schlüsselroman – auch wenn sich manche Personen der Zeitgeschichte darin wiedererkennen werden, beispielsweise Großautoren der Gruppe 47, die hier nur mit ihren Initialen zitiert werden, sie heißen dann „G.“ oder „E.“. Die noch lebenden Vertreter des bundesdeutschen Literaturbetriebs dürften für diese Zurückhaltung dankbar sein. Sie kommen nicht gut weg, bilden damit aber keine Ausnahme: Auf das Gute im Menschen war im Leben von Robert offenbar kein Verlass.

Den Beginn des Buches verlegt Roehler ins Jahr 1949, zehn Jahre vor seiner eigenen Geburt. Großvater Erich kehrt aus der Kriegsgefangenschaft heim, entkräftet und geplagt von Durchfall. Er ist wenig willkommen bei der eigenen Ehefrau, ja, ein Eindringling. Bald schon baut der Großvater eine Gartenzwerg­fabrik im Fränkischen auf – wie sie ­Roehlers Großvater tatsächlich betrieb.

Erichs Sohn Rolf will der Enge und der Entfremdung der Eltern durchs Studium entkommen, träumt vom literarischen Ruhm und gerät an eine Frau, die bald erfolgreicher sein wird als er und die Kinder hasst. Als ihr Sohn geboren wird, wird sie im Roman gegenüber der Hebamme so zitiert: „Schaffen Sie dieses Bündel fort, ich will damit nichts zu tun haben.“ Das Kind Robert tritt auf als ein Icherzähler, der mit manchmal spöttischer Präzision vom eigenen Schicksal berichtet.

Robert wird hin- und hergeschubst in der Welt der Erwachsenen. Seinen Vater Rolf nennt er in der Erinnerung einen „Kannibalen“, seine Mutter wird vom Vater schon mal mit einer „Weltraumnutte“ verglichen. Robert wächst mal bei diesen und mal bei jenen Großeltern und dann wieder beim Vater auf, dem Lektor, der vorrangig damit beschäftigt ist, die Nähe zu berühmten Autoren zu suchen und junge Frauen im Berliner Nachtleben aufzureißen.

Drastische Szenen spielen sich ab, gespickt mit sexuellen Beobachtungen, die gut in Roehlers Filmen wie „Der alte Affe Angst“ oder „Agnes und seine Brüder“ Platz gefunden hätten. Mittendrin sucht der heranwachsende Robert seinen Weg, geliebt am ehesten noch von seiner Großmutter.

Dieses Buch schildert das Drama eines vernachlässigtenKindes, das zeitlebens von der familiären Vergangenheit loszukommen trachtet. Dazu muss es sich befreien von der spießigen Wirtschaftswunderwelt und von der Rücksichts­losigkeit einer Kulturelite, die von Selbstverwirklichung spricht und im Konsumrausch endet.

Von der Wut über die Generation der Eltern und Großeltern hat sich Roehler freigeschrieben. Zum Ende hin siegt die Melancholie – es geht dann um Roberts große und verpasste Liebe Laura. Man könnte den Roman als eine aus extremen Erfahrungen zusammengesetzte Sozialgeschichte der Bundesrepublik lesen, aber das würde ihm nicht gerecht werden. Die Leistung des Autors besteht gerade darin, persönlich Erlebtes und Erlittenes in Literatur, in manchmal bittere, oft auch poetische Prosa zu verwandeln.

Das Schreiben muss einer schmerzhaften Therapie gleichgekommen sein – und war zugleich eine „extreme Selbstbefreiung“, wie der Autor sagt. Roehler hat bereits damit begonnen, den eigenen Roman zu verfilmen. „Die Quellen des Lebens“ soll das Werk heißen. Moritz Bleibtreu, Meret Becker und Jürgen Vogel spielen mit. Mit der Geschichte seiner Familie ist Oskar Roehler noch immer nicht fertig.

Stefan Stosch

Oskar Roehler: „Herkunft“. Ullstein. 592 Seiten, 19,99 Euro.