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Weltweit Laut, superlaut, Krankenhaus
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22:05 22.07.2014
Von Uwe Janssen
Handarbeit: Surfen in Wacken. Quelle: dpa
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Micha steht mit einem Megafon vor seinem Zelt. „Ihr! Seid! Alle! Viel! Zu! Nüchtern!“, brüllt er. Um dem abzuhelfen, hat er eine Gießkanne voller Bier in der Hand, mit einer Klingel dran, und wer alles auf ex austrinkt, darf klingeln oder so ähnlich. Ganz klar wird Michas Mission nicht. Ist aber auch egal, es ist sein eigenwilliger Beitrag zur Völkerverständigung, dort, wo drei Tage lang eben Bier und laute, harte Musik das Wichtigste sind: Wacken.

Als die koreanische Regisseurin Cho Sung-hyung vor acht Jahren mit ihrer Dokumentation „Full Metal Village“ einen Überraschungserfolg im Kino und auf vielen Filmfestivals landete, war Wacken das verschlafene Dorf in Schleswig-Holstein, in das einmal im Jahr eine Horde verrückter, lauter und friedlicher Metalfans einfiel. Alle Dorfbewohner machten oder halfen mit, das Ereignis zu stemmen, und Oma saß vor der Haustür im Campingstuhl und machte vor der Tür den Pommesgabel-Metalgruß.

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Nun zeigt Musikfilmer Norbert Heitker wieder dieses Wacken. Aber nicht schon wieder. Denn er zeigt es anders. Er zeigt in „Wacken 3D“ das Festival, nicht den Ort. Er zeigt keinen Geheimtipp mehr, keine wundersame Geschichte vom platten Lande, sondern das größte Metalfestival der Welt, ein gestandenes Event, zu dem Menschen aus allen Ecken der Erde anreisen – wenn sie denn eine Eintrittskarte bekommen.

Heitker zeigt seine Beobachtungen vom Festival im vergangenen Jahr in 3-D, mal nicht als überteuerte, sinnlose Kinospielerei, sondern als ästhetisches Doku-Stilmittel, als ernst zu nehmendes Bildspracheelement.

Zum Beispiel nutzt er die Technik, um seine Protagonisten zu porträtieren und aus dem Hintergrund herauszulösen. Das sind Rockstars wie Henry Rollins oder Alice Cooper, die Wacken als absolutes Must-have für jeden Rockmusiker preisen. Oder der Drummer von Motörhead, der ganz sachlich das Phon-Repertoire seiner Band erklärt. „Wir können sehr laut, superlaut und Krankenhaus. Superlaut finde ich am besten.“

Die wahren Helden des Films sind aber vor allem Fans mit ihren Geschichten. Wie Micha mit dem Megafon. Oder Nico, der zum siebten Mal da ist, sich auf Deep Purple freut und einer asiatischen Besucherin auf Holzenglisch seine Route erklärt: „Frankfurt, Göttingen, Itzehoe. By Train. Bummeltrain.“ Man verbrüdert sich, man tauscht sich aus, lässt die Mähne fliegen, suhlt sich im Matsch und säuft. Die Familie wird größer, aber es bleibt immer noch eine Familie. Das ist vielleicht das besondere an Wacken. Der Film ist ein gutes Aufwärmprogramm. Zumindest für die, die für das Festival am ersten August-Wochenende eine Karte haben. Das Festival war binnen Stunden ausverkauft.

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