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Weltweit Der große Treck
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21:13 29.09.2013
Von Stefan Stosch
Er träumt sich weg aus der Heimat, dem Hunsrück, hin in ein unbekanntes Land: Schmiedesohn Jakob (Jan Dieter Schneider) aus „Die andere Heimat“. Quelle: Concorde Filmverleih
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Berlin

Himmelhoch beladene Planwagen rumpeln über Hügel. Einige wenige Passagiere hocken oben auf den schwerfälligen Vehikeln, die meisten laufen zu Fuß hinter ihrem Hab und Gut her. Solche Bilder kennt man aus Western: Todesmutige Pioniere mit ernsten Gesichtern brechen mit Sack und Pack auf ins unbekannte Land. Aber das hier ist kein Western – auch wenn oben auf einem Felsen kurz ein junger Mann auftaucht und beim Blick auf den großen Treck Indianergeheul anstimmt.

Das hier ist ein Heimatfilm. Schauplatz ist der Hunsrück um 1840 – in jener Zeit war Deutschland kein Einwanderungs-, sondern ein Auswanderungsland. Deutsche suchten ihr Glück anderswo, in Südamerika zum Beispiel.

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Mit „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ dehnt Edgar Reitz seine ganz persönliche Form der Geschichtsschreibung in die Vergangenheit aus. Eigentlich hatte er seine grandiose Hunsrück-Saga auserzählt. Nach mehr als 50 Stunden hatte er das 20. Jahrhundert durchdrungen. Doch nun, da alle das Serienfernsehen lobpreisen, wagt der TV-Mann den epischen, knapp vierstündigen Kinowurf ins 19. Jahrhundert.

Üblicherweise liefert nur Hollywood „Prequels“ ab, Vorgeschichten also, mit denen sich ein einträglicher Filmstoff noch ein wenig strecken lässt. Der 80-jährige Filmemacher entdeckt ganz neue Sehnsüchte bei seinen geliebten Hunsrück-Bewohnern: Der Schmiedesohn Jakob (mit der nötigen Naivität dabei: Laiendarsteller Jan Dieter Schneider) aus dem Dorf Schabbach träumt sich weg aus der Heimat. Er will fort über den Ozean.

Seine gesammelte Literatur über Südamerika hütet Jakob wie einen Schatz, den sein Vater Johann (Rüdiger Kriese, auch im wirklichen Leben Schmied) am liebsten auf dem Misthaufen entsorgen würde. Sein Sohn beherrscht sogar Indianerdialekte, er spricht ein bisschen Spanisch und Englisch. Einmal schaut ein berühmter Briefpartner zum Disput vorbei: Kein Geringerer als Alexander von Humboldt (in Gestalt von Werner Herzog) rollt in einer edlen Kutsche heran. Da nimmt Jakob erschrocken Reißaus in die Blaubeeren.
Wie ein Dorfjunge überhaupt an solches Fachwissen herankommt? Sobald man in diesen Schwarz-Weiß-Film abgetaucht ist, akzeptiert man die Voraussetzung. Die Faszination für die Indianerwelt ist ein märchenhafter und vielleicht sogar notwendiger Trost für die Härte und Bitterkeit des Alltags.

Im Winter sterben die Menschen an Diphtherie. Ist der Boden zu tief gefroren, können die Leichen nicht einmal beerdigt werden. Der Baron verbietet das Sammeln von Pilzen, Beeren und Holz. Er beansprucht sogar das Monopol aufs Ausschenken von Wein in der Dorfkneipe, was zu einer kleinen Provinzrevolte führt. Zumeist aber haben die Dorfbewohner zu viel mit dem Überleben zu tun, um sich mit der Obrigkeit anlegen zu können.

Jedes Kopftuch, jede Kartoffelpresse, jedes Pferdegeschirr und erst recht die schnaufende Dampfmaschine vor der Schmiede scheinen ein Echtheitszertifikat beanspruchen zu können. Reitz ließ – genau wie sein ähnlich perfektionistischer Kollege Michael Haneke in „Das weiße Band“ – alte Getreidesorten aussäen, die heute gar nicht mehr angebaut werden. Allerdings wundert man sich, wie groß die Äcker gewesen sein sollen, die die Menschen mit Hacke und bloßen Händen bestellen. Ob da die Flurbereinigung Reitz’ Zeitmaschinerie Grenzen gesetzt hat?

Kunstvoll nutzt Kameramann Gernot Roll das spärliche Kerzenlicht in den düsteren Innenräumen der Fachwerkhäuser. Gelegentlich werden digital ein paar bunte Farbreflexe – rote Kirschen am Baum oder ein goldglänzender Anhänger – in das Schwarzweiß hineingezaubert. Da erschrickt man beinahe. „Die andere Heimat“ ist mehr als ein dekorativer Kostümfilm, der von einer abgeschlossenen Zeit erzählt. Hier leben die Vorfahren des „Hermännchen“, dem wir viel später in der Hunsrück-Saga begegnen werden.

Und so folgt man bereitwillig Jakobs Schicksal. Er ist Romantiker, kein Mann der Tat. Jakob liebt das Jettchen (Antonia Bill), und das Jettchen liebt ihn. „Nimmst du mich mit bei die Indianer?“, fragt sie. Doch leider existiert die Liebe als romantisches Konzept in diesem Dorf noch nicht. Jettchen heiratet Jakobs Bruder Gustav (Maximilian Scheidt). Allein bleibt Jakob trotzdem nicht, da ist auch noch das Florinchen (Philine Lembeck). Aber ob sich Jakobs Traum vom Aufbruch in die Tropen, wo mittags der Schatten der Sonne auf die Füße fällt, erfüllen lässt?

Erstaunliches war Reitz schon mit seiner bisherigen Hunsrück-Reihe gelungen: Er erzählte von der ideologisch schwer belasteten deutschen Heimat und trieb ihr alle nationalistischen Töne aus. Nun zeigt er, wie fremd die Heimat sein kann, wenn man in ihr nicht einmal ein Auskommen hat – von Freiheit und Glück ganz zu schweigen. Für den Zuschauer im Jahr 2013 ist es jedoch eine Freude, so weit in die Vergangenheit zu reisen. Allerdings: Untertitel wären gelegentlich hilfreich gewesen, um die Hunsrücker besser zu verstehen.

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