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Weltweit Die ausgegrenzte Geschichte
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13:34 26.08.2018
Die Menora, auch bekannt als Siebenarmiger Leuchter, ist eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums.. Quelle: dpa
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Berlin

Der Bericht hat knapp 140 Seiten. Ein Satz daraus reicht eigentlich, um das Problem zu erfassen. Fast wortgleich erscheint ein Kapitel über Juden im Kaiserreich in zwei Geschichtsbüchern eines Schulbuchverlags. Bloß: Über dem einen Text steht der Titel „Antisemitismus“ - über dem anderen: „Jüdisches Leben“. „Lediglich die Fotos auf den jeweiligen Seiten und eine Quelle wurden ausgetauscht“, schreibt Schulbuchforscher Martin Liepach in der Studie „Jüdische Geschichte im Schulbuch“ von 2014.

Dass die Lebenswelt von Juden vor allem dann ins Schlaglicht gerät, wenn sie angefeindet und verfolgt werden, ist ein Teufelskreis, der nicht nur in Schulbüchern steckt. Als im Juli Deutsche aus Migrantenfamilien unter dem Twitter-Hashtag #MeTwo Erfahrungen mit alltäglicher Ausgrenzung sammelten, berichteten auch jüdische Deutsche von kleinen und großen Anfeindungen, wie schon zahlreiche Umfragen zuvor.

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Im April füllten sich Berliner Straßen mit dem seltenen Anblick Hunderter Menschen mit Kippa - als Reaktion darauf, dass Kippa-Träger geschlagen und beschimpft wurden. Rund um die Uhr stehen jüdische Einrichtungen in Berlin unter Polizeischutz. Eine ungefährliche Selbstverständlichkeit ist das offene jüdische Leben in Deutschland auch im Jahr 2018 nicht.

Debatte um Darstellung

Über die Frage, ob Schulbücher die jüdische Geschichte ausgewogen darstellen, ist nun eine neue Debatte entbrannt. Die Berichte der Wissenschaftler vom Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung haben zwar seit ihrem Erscheinen ein Umdenken bei den Verlagen angeregt. Doch alte Bücher mit gravierenden Fehlern und antisemitischen Klischees richten weiter Schaden an, wie Zentralratspräsident Josef Schuster vergangene Woche kritisierte. Und darüber hinaus ist da die Frage: Was für eine Geschichte wird da eigentlich genau erzählt?

„Es gibt in der Schule viel zu wenig Zeit für Geschichte“, sagt Historiker Philipp Lenhard von der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Das führt bei der jüdischen Geschichte dazu, dass diese wirklich oft auf eine reine Opfergeschichte reduziert wird.“ Jüdische Geschichte finde nach wie vor hauptsächlich in den Themenkomplexen Nationalsozialismus und Nahostkonflikt statt, dazu etwa beim Thema Mittelalter. Propagandabilder, nicht immer deutlich genug eingeordnet, prägten dabei das Bild ebenso wie Stereotype, meint Lenhard. Eine jüdische Normalität kommt dagegen kaum vor.

Selbstverständlichkeit entscheidend

Diese Selbstverständlichkeit zu vermitteln sei aber entscheidend: „Das Familienleben in der bürgerlichen Gesellschaft kann ich anhand einer Familie aus dem protestantischen Milieu, aus dem jüdischen Milieu und aus einem katholischen Milieu beschreiben und dadurch diese Vielfalt der Gesellschaft auch zum Ausdruck bringen“, beschreibt Lenhard.

Juden sind und waren als handelnde gesellschaftliche Akteure in der deutschen Geschichte allgegenwärtig, ihre Religion dabei entgegen der Verzerrung aus heutiger Sicht nicht das Bezeichnende - so sieht man es auch beim Jüdischen Museum Berlin. Leben und Wirken etwa eines Aufklärers wie Moses Mendelssohn oder des deutschen Außenministers Walther Rathenau im geschichtlichen Kontext darzustellen, ohne ihre jüdische Identität zum Entscheidenden zu machen, daran hake es aber bis heute.

Christoph Pienkoß, Geschäftsführer Verband Bildungsmedien. Quelle: Verband Bildungsmedien/dpa

Mit Quellen könne man zeigen: „Das Wissen, wer Jude war oder nicht, hat in der Zeit einfach überhaupt nicht interessiert“, sagt Historikerin Juliane Brauer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. „Wenn man das wirklich ernst nehmen würde, dann könnte man jüdisches Leben in Mitteleuropa ganz anders als eine Geschichte von Ausgrenzung und Stereotypen erzählen.“

In den Schulbuchredaktionen ist man bereits bemüht, solche Kritikpunkte auszuräumen. Man habe seit 2012 unter anderem die Darstellung überarbeitet, „um sich von einer Verfolgungs- beziehungsweise Opferperspektive zu lösen“, heißt es etwa vom Verlag Ernst Klett. Die Studienergebnisse hätten kritische Überprüfungen nach sich gezogen, erklärt auch Christoph Pienkoß, Geschäftsführer des Verbands Bildungsmedien. Doch dabei sei man immer auch von den Lehrplänen abhängig.

Dort wiederum muss man mit wenig Raum verschiedenen Erwartungen gerecht werden. Von gesellschaftspolitischer Seite etwa werde vom Geschichtsunterricht erwartet, Schülern die Mechanismen von Ausgrenzung vor Augen zu führen, sagt Historikern Brauer. „Dann nimmt man immer wieder das Beispiel, was da ist: die Geschichte des jüdischen Lebens in Mitteleuropa. Aber das kann man natürlich aufbrechen.“

Von Christina Peters, dpa