Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Weltweit „Unsere Gegenwart ist viel engstirniger“
Nachrichten Kultur Weltweit „Unsere Gegenwart ist viel engstirniger“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:45 30.07.2014
Von Stefan Stosch
Dominik Graf spricht im Interview über seinen Film „Die geliebten Schwestern“. Quelle: dpa
Anzeige
  • Zur Person:
    Dominik Graf, Jahrgang, 1952, liebt den Polizeithriller – im Kino wie im Fernsehen. Mit seiner TV-Krimiserie „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) lieferte der Regisseur sein bisheriges Meisterstück ab. Zu seinen Kinofilmen zählen „Die Sieger“ und „Der Rote Kakadu“. In „Die geliebten Schwestern“ erzählt er von der Dreiecksbeziehung zwischen Friedrich Schiller und den Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld. Kinostart ist der 31. Juli.

Wie hätten Sie Ihre Liebesbrief-Geschichte über Friedrich Schiller und die Schwestern Caroline von Beulwitz und Charlotte von Lengefeld im Zeitalter der E-Mail erzählt?
Wahrscheinlich gar nicht so viel anders. Die Geschichte ließe sich ins Jahr 2014 transportieren – eine Liebe zwischen drei Menschen, die viel voneinander getrennt sind. Was läuft ab zwischen diesen Liebenden, die weder Eifersucht noch Intrigen kennen? Und warum geht die Sache doch schief? Hängt das mit dem Charakter der Beteiligten zusammen? Oder werden solche Liebesutopien irgendwann schal und unehrlich?

Wie modern sind Ihre Figuren?
Ich wollte nicht auf die Moderne verweisen, sondern zeigen, in welchen Zusammenhängen diese Menschen gefangen waren.

Anzeige

Manche Zuschauer fühlen sich an die 68er-Zeit erinnert.
Ja, klar. Die Gespräche in der Küche in Ludwigsburg haben einen Beigeschmack von Berliner Wohnküchen in den Siebzigern – auch da führte man vor weißen Kalkwänden unendlich lange Debatten. Auch der Rückzug ins Private kommt einem bekannt vor: Eine ganze Generation sucht nach Aufruhr, Gewalt und Terrorismus Sicherheit im Ästhetischen.

Schiller und Co. wirken bei Ihnen erstaunlich vorurteilsfrei.
Bei Schiller war das große Kosmische immer am Wirken. Der dachte in Riesenzusammenhängen. Unsere Gegenwart ist viel engstirniger. Wir haben immer schon eine vorgefasste Meinung. Unser Blick ist vernebelt, weil jeder Gegenstand von Verboten und Geboten umstellt ist.

Wie nah bleiben Sie an der Historie?
Wenn man eine Geschichte erzählt, die 13 Jahre abdeckt, kann man sich an den Geschehnissen wie an einer Strickleiter emporhangeln. Ich habe mir aber schon Freiheiten erlaubt – auch wenn es sich um eine Weltfigur wie Schiller handelt. Wichtig ist mir, dass die Frauen zu ihrem Recht kommen.

Wie meinen Sie das?
Na ja, im Titel stehen schließlich die Schwestern, nicht Schiller: Insgesamt geht es sogar um drei Frauen, die alle ihre Männer früh verloren haben – die Mutter zähle ich dazu. Das Gefühl von Vergänglichkeit spielt eine große Rolle. Die begrenzte Zeit wird spürbar, wenn die Schwestern den körperlich angeschlagenen Schiller am Fluss zwischen sich nehmen und wärmen. Sie müssen alle Gefühle in einer kurzen Zeitspanne leben.

Sie sind nach acht Jahren wieder zum Kino zurückgekehrt. Warum? Sie galten lange als Verfechter des Fernsehens.
Das hat mit meiner Generation zu tun: Ich habe Spannenderes im deutschen Fernsehen gesehen als im deutschen Kino. TV-Zweiteiler wie „Welt am Draht“ von Fassbinder oder „Gambit“ von Peter Bringmann haben das deutsche Kino hinter sich gelassen. Ich hatte das Gefühl, dass das Fernsehen unfassbar größere epische Möglichkeiten hatte. Das Kino unterlag stärkeren kommerziellen Zwängen. Heute aber will das Fernsehen zuerst eine Quotenveranstaltung sein.

Wie lief die Entstehungsgeschichte in diesem Fall ab?
Es war von Anfang an klar, dass dies ein Kinofilm sein muss. Das hat auch mit der finanziellen Größe des Projekts zu tun. Generell glaube ich aber, dass die Kino-Fördergremien zu wirtschaftlich und zu wenig künstlerisch gepolt sind.

Was wünschen Sie sich?
Man darf nicht immer nur fragen, wie viele Zuschauer gehen da vielleicht rein? Es muss auch ein provokatives Autorenkino geben. Nehmen Sie die kleineren deutschen Wettbewerbsfilme der Berlinale 2014 – „Kreuzweg“ oder „Jack“: Die sind von großer Freiheit und großem Mut geprägt – haben aber auch wenig Geld gekostet.

Die Darreichungsformen von „Die geliebten Schwestern“ sind ungewöhnlich: Sie produzieren einen Kinofilm und einen Zweiteiler fürs Fernsehen. Volker Schlöndorff hat so eine Doppelverwertung bei „Die Päpstin“ abgelehnt.
Der TV-Zweiteiler war nicht vorgegeben, ich hätte auch nur einen Film machen können. Das hat sich aus dem Material ergeben. Und nun gibt es einen Director’s Cut von 170 Minuten und eine 140-Minuten-Fassung, beide fürs Kino und noch mal den insgesamt längeren Zweiteiler fürs Fernsehen.

Das Zurechtschnippeln von vermarktbaren Formaten muss Sie schmerzen.
Damit habe ich kein Problem. Das eine hilft das andere zu finanzieren. Ich komme aus einer Generation, wo es „Das Boot“ im Kino und im Fernsehen gab – und die TV-Fassung fand ich noch viel besser als den Kinofilm. Es gibt nicht immer nur die eine richtige Länge. Die verschiedenen Versionen haben nur einen anderen Rhythmus. Das kenne ich auch vom Fernsehen, wo ich ja auch auf 90 Minuten runterschneiden muss.

Klingt beinahe nach Freiheit.
Jedenfalls hatte ich nicht das Gefühl, das man sonst oft hat: dass Szenen unwiederbringlich verloren gehen.

Interview: Stefan Stosch

29.07.2014
Weltweit „Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere“ - Jackson überrascht Fans mit „Hobbit“-Trailer
29.07.2014
29.07.2014