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Weltweit Ein bisschen am Rand
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08:06 17.01.2015
Von Martina Sulner
Mit „3000 Euro“ stand Thomas Melle im Herbst auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der dann an Lutz Seiler ging. Quelle: Karsten Thielker
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Hannover

Ein Mann, eine Frau, eine Liebe in Berlin: Davon konnte man in den vergangenen Jahren so einiges lesen - Beziehungsdramen unter Studenten, Kreativen, Hipstern. Auch in Thomas Melles neuem Roman geht es um eine junge Frau, einen jungen Mann und den Versuch einer Beziehung, doch bei diesem Autor ist es anders: krasser, kühler - und vor allem erzählt Melle in „3000 Euro“ über Menschen, die am unteren Ende der sozialen Leiter leben.

Um 3000 Euro dreht sich fast alles bei Anton und bei Denise. Der ehemalige Jurastudent ist abgestürzt: zu viel Drogen, zu viel Lethargie, zu viele Fantasien, die die Ärzte - als Anton zwischenzeitlich in der Psychiatrie landet - als manisch einstufen. Jetzt lebt er mal auf der Straße, mal in einem Wohnheim und begreift selber nicht, wie und warum er dort gelandet ist. 3000 Euro fordert eine Bank von ihm, demnächst steht die Gerichtsverhandlung an.

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Denise wartet auf 3000 Euro: Die alleinerziehende Supermarktkassiererin hat in einem Porno mitgemacht; das versprochene Geld hat der Produzent auch nach Wochen noch nicht überwiesen. An der Discounterkasse lernen sich die beiden kennen, sie mögen sich, doch sonderlich romantisch verläuft ihre Geschichte nicht. Viel zu sehr sind die beiden mit dem Überleben beschäftigt.

Was ist wahr und was ist wahnhaft?

Der 1975 geborene Melle blickt nicht mitleidig oder gar überheblich auf seine Figuren und deren prekäre Lebensverhältnisse. Abwechselnd erzählt er aus der Perspektive von Anton und Denise. Dabei kann sich der Leser nicht ganz sicher sein, was bei dem Mann tatsächlich wahr und was wahnhaft ist. Und uneingeschränkt sympathisch sind einem die Figuren auch nicht: Antons Alkoholabstürze und Denises mitunter zweifelhafter Geschmack bei der Wahl ihrer Männerbekanntschaften können den Leser nerven. Dennoch hofft man mit den beiden, die sich laut Anton „ein bisschen am Rand“ fühlen; die darum kämpfen, Anschluss an ein „normales“ Leben zu bekommen.

Shortlist für den Deutschen Buchpreis

Mit „3000 Euro“ stand Thomas Melle im Herbst auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, der dann an Lutz Seiler ging. Trotz einiger Schwächen - so referiert Anton zum Beispiel etwas aufdringlich über Walter Benjamin - hat der Autor diese Nominierung allemal verdient, und sie hat ihn etwas bekannter gemacht. Seit gut zehn Jahren übersetzt er aus dem Englischen; seine Übertragung von William T. Vollmanns „Huren für Gloria“ war für den Leipziger Übersetzerpreis nominiert. Er schreibt Theaterstücke und mit der Berliner Jazzsängerin Lisa Bassenge Songtexte.

Melles Erzähldebüt, der 2007 erschienene Geschichtenband „Raumforderung“, handelt von Außenseitern, von Menschen in der Psychiatrie oder am sozialen Rand. In „3000 Euro“ ist der Autor gelassener als in „Raumforderung“, doch man spürt wieder eine Dringlichkeit des Erzählens, Spannung und einen feinen Humor.

Thomas Melle: „3000 Euro“. Rowohlt Berlin. 203 Seiten, 18,95 Euro. Am Montag, 19. Januar, 20 Uhr, liest der Autor im Literarischen Salon Hannover, Königsworther Platz.

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