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Weltweit „Eugen Onegin“ an der Staatsoper
Nachrichten Kultur Weltweit „Eugen Onegin“ an der Staatsoper
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17:55 15.04.2013
Von Stefan Arndt
Eine Frage der Ehre? Onegin (Adam Kim, links) erschießt seinen Freund Lenski (Phillip Heo) im Duell.
Eine Frage der Ehre? Onegin (Adam Kim, links) erschießt seinen Freund Lenski (Phillip Heo) im Duell. Quelle: Landsberg
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Hannover

Der erste Schuss ist gleich ein Treffer. Eigentlich sollte er erst nach der Pause fallen, wenn ein Duell im Morgengrauen die Wende im Bühnengeschehen markiert, aber in Ingo Kerkhofs Inszenierung von „Eugen Onegin“ an der Staatsoper Hannover knallt es schon vor dem eigentlichen Beginn. Zwar sieht man dabei kaum mehr als die einsame Frau, die verunsichert über die Bühne huscht, doch sobald die Streicher leise zu spielen beginnen, ist auch schon die latent verzweifelte Atmosphäre da, die das ganze Stück prägt.

Mit einer klassischen Ouvertüre haben diese nur vorsichtig ausgreifenden Klänge, mit denen Peter Tschaikowsky seine Oper eröffnet, nichts mehr zu tun. Schnell könnte man die wenigen Takte überhören, die dem eigentlichen, volksliedhaften Beginn vorangestellt sind. Doch mit dem Schreck vom überraschenden Schuss in den Gliedern hört man schon hier die Unsicherheit und Haltlosigkeit, die die Figuren umtreiben wird.

In „Eugen Onegin“ geht es um verpasste Chancen: Tatjana liebt Onegin, der ihre Liebe nicht erwidert. Als er es sich anders überlegt, weist ihn die nun verheiratete Tatjana von sich. Da hat Onegin bereits seinen besten Freund als Folge einer sinnlosen Provokation getötet. Einsam und entwurzelt bleibt er zurück.

Bühnenbild ist schlicht

Mit der Entscheidung, ein Musiktheaterstück nach diesem Onegin-Stoff von Alexander Puschkin zu schreiben, hat Tschaikowsky sich von der großen heroischen Oper weit distanziert. Schlicht und menschlich sollte es zugehen in seinem Stück, und genau das löst die hannoversche Neuproduktion ein. Bühnenbildnerin Anne Neuser hat sich auf eine unauffällige Wand mit einem weiten Durchgang beschränkt, dazu kommen gelegentlich ein paar Holzstühle oder ein Tisch - ansonsten herrscht Leere. Und die harte, rührend altmodische Hollywoodschaukel am Bühnenrand, in die sich die Figuren immer wieder zurückziehen, verstärkt die Kargheit noch.

Für Regisseur Kerkhof, der in Hannover unter anderem „Figaro“ und „Ariadne auf Naxos“ inszeniert hat, ist die Reduzierung der Mittel ein Markenzeichen geworden. Selten passt das so gut zu einem Stück wie hier: Ohne äußere Ablenkung wird der Blick frei für das Innere der Figuren. Tatjana, die als Einzige den ersten Schuss vernommen hat, ist nicht etwa von der Romanlektüre verwirrt, wie ihre Mutter ihr es vorwirft. Bei Sara Eterno ahnt sie am Anfang schon das Ende. Kein Wunder, dass die berühmte Szene, in der sie Onegin ihre Liebe in einem Brief gesteht, hier (obgleich wunderbar leuchtend gesungen) eine Art Fieberphantasie ist, bei der ihr der Geliebte leibhaftig erscheint.

Fremd und seltsam wirken die Männer, die zunächst besuchsweise in die Frauenwelt einbrechen, auch deshalb, weil sie Asiaten sind. Was in der Oper längst Alltag geworden ist, wird hier noch einmal mit Bedacht akzentuiert. Und sängerisch verdienen Adam Kim in der Titelrolle und Philipp Heo als Lenski ohnehin jede Aufmerksamkeit.

Eigene Welten

Echte Kommunikation findet zwischen all diesen Verzweifelten nicht statt. Nur selten nehmen sie Blickkontakt auf, oft wirkt es, als würden die Personen gesetzt wie Schachfiguren. So fremd fühlen sich die Menschen in ihrer Welt, dass sie sich eine eigene geschaffen haben, zu der niemand außer sie selbst Zugang findet. Selbst der Dichter Lenski, der oft als feuriger Lebemann gezeigt wird, ist hier ganz selbstbezogen. Er umwirbt Tatjanas Schwester Olga, indem er vorgefertigte Schwüre von Zetteln abliest: Er liebt wie gedruckt - und glaubt sich auch selbst nur halb. Olga (Julie-Marie Sundal) allerdings wird das am ehesten verschmerzen. Sie ist eine Art Aschenputtel, das von ihrer Mutter (Khatuna Mikaberidze) nur mit Arbeit und Liebesentzug bedacht wird und längst einen eigenen, pragmatischen Weg ins Leben gefunden hat.

Tschaikowskys rückhaltlos emotionale Musik ist das Gegengewicht zu dieser fast etwas kalten szenischen Analyse. Das durchweg hervorragende Ensemble (das Almuth Herbst als greise Dienerin und Shavleg Armasi als Fürst komplettieren) trägt dazu ebenso bei wie Dirigent Ivan Repušic, der die Wärme der Klänge in jeder Note auskostet: Selbstbewusst lässt er die Musik weit über die Angaben der Partitur hinaus drängen und stocken - wie den Strom der Gefühle, der die Menschen auf der Bühne durcheinanderwirbelt.

Nicht nur Applaus

Der präsente Chor und das (bis auf die schwache Bassgruppe) auch in den vielen solistischen Passagen überzeugende Orchester folgen dieser flexiblen Sichtweise des Dirigenten weitgehend mühelos. Am Ende begeisterter Applaus für die Musiker und vereinzelte Buhs für das Regieteam.

Wieder am 17. und 28. April sowie am4., 9., 12., 17. und 25. Mai. Kartentelefon: (0511) 99991111.

Johanna Di Blasi 15.04.2013
15.04.2013