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Weltweit FAZ-Herausgeber Schirrmacher schreibt über das Internet
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22:30 23.11.2009
Von Imre Grimm
Frank Schirrmacher Quelle: Christian Behrens/Archiv
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Die letzten Abenteuer der Welt sind ein ausgeschaltetes Handy und eine blinkende Tankanzeige. Sofort rumort eine diffuse Ungewissheit in unserem Innern: Wie lange kann ich noch weiterfahren? Und was verpasse ich? ­Einen Anruf, eine SMS, schlimmer noch: irgend etwas, von dem ich noch gar nicht weiß, was es sein könnte. Ich könnte stranden im digitalen Nirgendwo.

„Wenn der Computer ruft, das Handy klingelt, der Blackberry summt, lassen wir alles stehen und liegen aus Angst, bei der darwinistischen Jagd nach Informationen zu spät zu kommen“, schreibt Frank Schirrmacher, Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in seinem neuen Buch „Payback“. Erneut erweist er sich – wie 2004 mit „Das Methusalem-Komplott“ (über die Überalterung der Gesellschaft) und 2006 mit „Minimum“ (über die Auflösung der Familie) – als geschickter Seismologe gesellschaftlicher Transformationsprozesse.

Diesmal hat Schirrmacher den digitalen Overkill im Visier, die Überfütterung mit winzigen Info-Häppchen, die sich in Körper und Geist festsetzen und uns krank machen – quasi die Staublunge des digitalen Zeitalters. Multitasking (etwa die gleichzeitige Beschäftigung mit Handy, iPod und PC) schreibt er, veröde unsere Kreativität und begrenze unser Denken auf das technisch Machbare. „Multitasking ist Körperverletzung“: Auch seine aktuelle These ist so steil, dass ihr bundesweite Aufmerksamkeit sicher ist. Im „Spiegel“, bei „Titel, Thesen, Temperamente“ und gestern Abend bei „Beckmann“ trat der Autor an, den permanenten Alarmzustand, in dem wir uns befänden, als „Sozialstress“ zu entlarven. Das Internet „zermansche“ unsere Gehirne, sagt er. Mehr noch: Durch die Fülle an Informationen, die auf uns einprasselten, habe „ein Umbau des Denk- und Erinnerungsapparates eingesetzt“. Aber Schirrmacher geht es um mehr als die wohlfeile Theorie, dass das Netz uns „dumm“ mache – um die Frage nämlich, ob wir die Frage „Macht das Netz uns dumm?“ in 30 Jahren überhaupt noch verstehen können.

Ist dieses Denken gestrig? Nein. Hier geht es nicht um einen Ü-50-Kulturpessimisten aus der Analogkultur, der nölig vor dem digitalen Zeitalter kapituliert. „Weder bin ich der Amish des Internet-Zeitalters noch ein technologischer Einsiedler“, schreibt Schirrmacher. Auch der „FAZ“-Herausgeber twittert, bloggt, simst und googelt, und er sagt deutlich: Wir haben gar nicht mehr die Wahl, uns der Sache zu verweigern, mal ein Päuschen einzulegen, den PC auszuschalten. Das bedeute nur, „dass wir das Versäumte nachholen müssen“. Das Netz verändere uns, nicht umgekehrt.

Nun ist es keine neue Erkenntnis, dass auf die digitale Revolution quasi eine neuronale in unseren Gehirnen folgt. Wie in den Zeiten der Industrialisierung passt sich der Mensch biologisch der neuen Welt an – anno dazumal war es der Körper, diesmal ist es der Geist. Wir werden in der Kommunikation auf Effizienz getrimmt, auf maximale Ausbeute. Menschen, die Bücher und gedruckte Texte einfach aus Freude läsen, schrieb der US-Schriftsteller Caleb Crain im Magazin „New Yorker“, würden bald so selten werden wie Sammler von Zinnsoldaten. Alles bekannt.

Selten hat jemand die Angst vor der digitalen Überforderung so elegant und faktenreich beschrieben wie Schirrmacher, Exkurse in die Gesellschaftstheorie inklusive. Die drei wichtigsten Ideologien der vergangenen 200 Jahre, schreibt er, verschmölzen im digitalen Zeitalter: der Marxismus (kostenlose Informationen für alle), der Darwinismus (der Schnellstinformierte hat die Nase vorn) und der Taylorismus (maximale Arbeitsoptimierung). Sein Buch, das sich munter wegliest, ist ein Dokument des Unbehagens: „Ich komme nicht mehr mit.“

Schirrmacher erliegt dabei nicht der Versuchung, das Problem zum Generationenkonflikt herabzustufen. Zu Recht, denn Menschen aller Altersgruppen haben Angst, dem Monster Internet nicht zu genügen. Christina Huffington, 17-jährige Tochter der bekannten US-Bloggerin Ariana Huffington („Huffington Post“), beklagte einst, dass ihre Mutter selbst beim Yoga auf ihren Blackberry starre. Sie schaltete einen Familientherapeuten ein. Woraufhin ihre Mutter ihr einen Blackberry schenkte, um die Kommunikation zu verbessern.

Schirrmacher glaubt, dass „eine Rückkoppelung stattgefunden hat, die jenen Teil der Aufmerksamkeit, den wir früher uns selbst widmeten, abzapft, auffrisst und als leere Hülle zurücklässt“. Der Mensch verliere dabei, was ihn vom Computer unterscheide: Kreativität, Flexibilität und Spontaneität. Er beginne, seinen Geist als Festplatte zu begreifen und mit „Sudoku“-Heften und „Gehirnjogging“-Spielen zu optimieren. Schirrmacher spricht von der „Aufrüstung“ des Menschen, gar davon, dass das Netz kein reines Medium mehr sei, sondern ein „Akteur“, eine digitale Supermacht, die täglich von uns gefüttert und immer mächtiger werde. Am Ende lägen wir wie Kafkas Käfer hilflos zappelnd auf dem Rücken.

Kaum verwunderlich, dass der zweite Teil des Buches, in dem es um den Ausweg aus der selbstverschuldeten Abhängigkeit gehen soll, der schwächere ist. So recht sieht auch Schirrmacher keine Lösung. Schulen sollten statt Fakten lieber das Denken lehren, wir müssten der digitalen Droge mit „gestärkter Willenskraft“ entgegentreten. Nun ja. „Nicht die Antworten“, schreibt er, „unterscheiden uns von den Maschinen, sondern die Fragen.“ Genauso ist es mit diesem Buch: Der Autor stellt die richtigen Fragen. Auf die richtigen Antworten aber muss er – gemeinsam mit seinen Lesern – noch warten.





Frank Schirrmacher:
„Payback“.
Blessing.
240 Seiten,
17,95 Euro.

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