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Weltweit Verfilmung von NS-Roman: Noethen brilliert in plakativer „Deutschstunde“
Nachrichten Kultur Weltweit Verfilmung von NS-Roman: Noethen brilliert in plakativer „Deutschstunde“
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16:03 30.09.2019
„Aus dir machen wir etwas Brauchbares“: Siggi (Levi Eisenblätter) und sein Polizistenvater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen). Quelle: Georges Pauly/ Network Movie / W
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Vor Kurzem ist die Debatte um den Maler Emil Nolde noch einmal heftig entbrannt. Dessen glühender Antisemitismus und unverbrüchliche NS-Treue waren im Nachkriegsdeutschland lange unter den Teppich gekehrt worden – obwohl man es besser wusste. Es gab eben auch noch die andere Seite des zumindest zeitweilig als „entartet“ diffamierten und mit Berufsverbot belegten Künstlers.

Angela Merkel hat ihre Emil-Nolde-Gemälde abgehängt

Inzwischen hat eine aufschlussreiche Ausstellung im Lehrter Bahnhof in Berlin Noldes zwiespältige Rolle im Nationalsozialismus ausführlich beleuchtet. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die beiden Nolde-Gemälde „Brecher“ und „Blumengarten (Thersens Haus)“ aus ihrem Arbeitszimmer abhängen lassen – und gegen Landschaftsbilder des deutschen Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff ausgetauscht.

Die wieder aufgeflammte Auseinandersetzung um den Maler hat manchen Literaturkritiker dazu veranlasst, Siegfried Lenz’ 1968 erschienenen Roman „Deutschstunde“ neu zu lesen. Schließlich sei diesem gewissermaßen eine Hauptfigur abhanden gekommen: die unverkennbar an Nolde angelehnte und ausgesprochen positiv gezeichnete Figur des anarchisch-sturen Malers Max Ludwig Nansen, der trotz eines Berufsverbots von Pinsel und Leinwand nicht lassen kann.

Ob Nolde Vorbild für Lenz' Maler war, ist schlicht egal

Und nun verfilmt Christian Schwochow, geschichtserprobter Regisseur des TV-Zweiteilers „Der Turm“, den umstrittenen Romanklassiker (1971 gab es einen zweiteiligen ARD-Film). Generationen von Schülern haben bei der Lektüre den Unterschied zwischen fanatischer Pflichterfüllung und individueller Verantwortung lernen sollen. Nach zweistündiger Vorstellung muss man sagen: Ob der Maler hinterm Deich an Emil Nolde erinnert oder nicht, hat wenig Bedeutung für den Film. Letztlich handelt es sich sowieso um eine fiktive Figur.

Der Maler Nansen, von Tobias Moretti als egozentrischer Alter gespielt, ist eine Projektionsfläche, der notwendige individualistische Gegenpol zum pflichtbesessenen Polizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen). Zwischen beiden steht Jepsens Sohn Siggi (als Kind: Levi Eisenblätter, als Jugendlicher: Tom Gronau). Konsequent aus dessen Perspektive erzählt der Regisseur.

Wie im Roman spielt die Rahmenhandlung kurz nach dem Krieg: Siggi sitzt in einer Besserungsanstalt für Jugendliche. Er sollte einen Besinnungsaufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben und fiel erst einmal in Schockstarre. Erst nach der Verbannung in eine Arrestzelle trägt ihn der Schreibfluss in die Vergangenheit davon. Siggi hatte als Kind miterlebt, wie sein Vater im Wortsinn über Leichen ging, um das gegen Nansen verhängte Malverbot durchzusetzen.

Spuren des Kriegs finden sich nur in den Seelen der Menschen

Zumeist wird Nansen in Schwochows Film nur „der Maler“ genannt – und Berlin ist die namenlose „Hauptstadt“, scheinbar unendlich weit entfernt vom „nördlichsten Polizeiposten Deutschlands“ im fiktiven Ort Rugbüll an der Nordsee. Spuren vom Krieg gibt es hier, jedenfalls vorerst, nicht zu entdecken – und wenn doch, dann tief vergraben in den Seelen der Menschen

Und doch muss die Apokalypse nahe sein. Das große Sterben in dieser grandiosen, von Wellen und Wind gezeichneten Naturlandschaft, fotografiert wie ein verwunschenes Märchenland (Kamera: Frank Lamm), hat begonnen: Die Leiber toter Fische glitzern im Sand, Möwenkadaver trocknen im Strand, Reiher verwesen in einem wohl überstürzt verlassenen Haus.

Wie einst Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ versteckt sich Siggi unter Tischen oder in Zimmerecken. Nur hat er keine Stimme zur Verfügung, die Glasscheiben zum Bersten bringen könnte. Siggi beobachtet schweigend das Duell zwischen den einstigen Jugendfreunden, die sich nun als Maler und Polizist gegenüberstehen. Momenteweise wirkt diese „Deutschstunde“ – Schwochos Mutter Heide schrieb das Drehbuch – wie eine Fortsetzung von Michael Hanekes Schwarz-Weiß-Film „Das weiße Band“. Haneke zeigte die Anfälligkeit von Dorfbewohnern für faschistische Ideen vor dem Ersten Weltkrieg. Hier sieht man, was aus ihren Familien geworden sein könnte.

Ulrich Noethens Darstellung ist beeindruckend

„Aus dir machen wir etwas Brauchbares“, sagt Vater Jepsen und trichtert seinem jüngeren Sohn sein pervertiertes Pflichtbewusstsein ein. So weit geht das, dass er Bilder des Malers auf dem Scheiterhaufen verbrennt und schließlich seinen älteren Sohn nach dessen Desertion verrät. Siggi aber schlägt sich auf die Seite des Malers und wird zum krankhaften Bilderretter, der dessen Werke versteckt.

Schauspielerisch beeindruckt Ulrich Noethen, der mit versteinertem Gesicht doch Einblicke in die inneren Qualen seiner autoritätshörigen Figur zu eröffnen vermag. Allerdings ist hier manches arg plakativ geraten. Schwochow setzt auf zeitlose Gültigkeit und zielt auch auf unsere Gegenwart. Gewiss, der Einzelne kann sich nie genug gegen verordnete Gesinnung zur Wehr setzen. Vielleicht jedoch wäre es dienlicher gewesen, den didaktischen Kern weniger exemplarisch auszubreiten.

Kinostart in Deutschland: 3. Oktober 2019

Deutscher Titel:Deutschstunde

Regie: Christian Schwochow

Darsteller: Ulrich Noethen, Tobias Moretti, Levi Eisenblätter

Filmlänge: 125 Minuten

Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Von Stefan Stosch/RND

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