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Weltweit „Vice“ – Ungeist im Weißen Haus
Nachrichten Kultur Weltweit „Vice“ – Ungeist im Weißen Haus
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06:00 19.02.2019
Zwei, die sich nicht mit Brosamen abspeisen lassen: Dick Cheney (Christian Bale) und Ehefrau Lynne (Amy Adams). Quelle: Foto: Universum
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Hannover

Beinahe hatte sich Dick Cheney mit seiner Frau Lynne schon ins Privatleben zurückgezogen, um Golden Retriever zu züchten. Dann hätte vielleicht nicht unbedingt die Historie einen anderen Verlauf genommen, aber diesen Film würde es nicht geben. Wer hätte dann wohl 2003 die USA mit Lügengeschichten über Massenvernichtungswaffen in den Irak-Krieg geschubst?

Überraschung: nach einer Stunde rollt der Abspann im Kino

Dieser Film hier jedoch wäre dann zu Ende. Und deshalb lässt Regisseur Adam McKay nach einer knappen Kinostunde den Abspann über die Leinwand rollen. Aus, Schluss, vorbei. Bitte genau hinschauen jetzt: Schwarz auf weiß lässt sich nachlesen, dass hinter dem massigen US-Politiker mit Machtinstinkt tatsächlich Christian Bale steckt. 20 Kilo hat sich der Ex-Batman für die Rolle angefuttert.

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Und dann geht die Politsatire „Vice – Der zweite Mann“ einfach weiter – so wie auch Cheneys Karriere: Bei ihm ruft ein wenig hoffnungsvolles Polittalent der Republikaner an, das früher angetrunken auf Partys in Washtington D. C. herumtorkelte. Nun aber schickt sich George W. Bush an, der 43. Präsident der USA zu werden. Cheney soll sein Vize sein.

Amy Adams ist gut als pausbäckige Karrieristengattin

„Vize? Dann hast Du nichts zu tun, als auf den Präsidenten zu warten“, warnt Cheneys Gattin Lynne. Amy Adams legt hier eine ebenso wundersame Verwandlung zur pausbäckigen Karrieristengattin hin. Dieses Mal aber weiß Cheney es besser. Er hat noch ein zweites Hobby neben der Hundezucht, und das betreibt er jetzt vor seinem inneren Auge: Wir sehen eine Angelköder durchs Wasser zucken.

Er habe schon viele wichtige Ämter bekleidet, sagt Cheney beim Treffen mit Bush. Wenn er diesen Job übernehmen solle, dann müsse er weitreichende Befugnisse haben. „Lässt sich machen“, sagt Bush (sanft begriffsstutzig: Sam Rockwell) und reicht die Hand über den Tisch, in der er eben noch die fetttriefende Hähnchenkeule hielt. Und zack: Der Fisch hat angebissen, die Angelschnur surrt.

Mit Filmen wie „Vice“ nimmt Hollywood den Kampf gegen Trump auf

Von 2001 bis 2009 hatte Cheney den Posten. Regisseur McKay hat schon mit „The Big Short“ über die Finanzkrise 2008 eine witzige Politsatire gedreht (auch mit Bale). „Vice“ ist ebenso komisch, wird aber mehr noch von stiller Wut getrieben. Der 1968 geborene McKay will zeigen, wie Amerika wurde, was es heute ist. Manipulation und Lüge, so der Regisseur, nahmen unter Cheneys Präsidentschaft – Pardon: unter Bushs – neue Qualitäten an, gesteuert durch stockkonservative Fernsehsender und Lobbyisten.

Wie eine fette Spinne im Netz kontrolliert der politische Ungeist das Geschehen. Äußerlich bis zur Unerträglichkeit cool, zermalmt er seine Worte.

„Vice“ gehört in die Reihe jener Filme, mit denen das liberale Hollywood den ungleichen Kampf gegen Donald Trump aufnimmt. Kürzlich erst lief „Der Spitzenkandidat“, auch ein Versuch, Amerikas Abdriften in Hass und Selbstzerfleischung zu erklären. Nun hat McKay eine Figur von shakespeareschem Format geschaffen.

Am Ende beugt sich Cheney vor und spricht direkt zum Zuschauer: „Ihr habt bekommen, was ihr wolltet.“

Von Stefan Stosch/RND

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