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Weltweit Ein Hut, ein Stock, ein Welterfolg
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00:15 18.04.2014
Hollywoods erster Star wusste, dass man wiedererkennbar sein muss. Unverwechselbar ist er in dem Kurzfilm „Die Rollschuhbahn“ von 1916. Quelle: Archiv
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Wohl jedes Kind kennt diesen komischen Vogel: Melone auf dem Kopf und Bambusstöckchen in der Hand, viel zu enge Jacke, geflickte Hose und ausgebeulte Schuhe, Bärtchen und watschelnder Gang – fertig ist „Der Tramp“, der Landstreicher, der sich mit den Manieren eines Gentleman durchs Leben schlägt. Charlie Chaplins Kinoheld ist so berühmt wie sonst vielleicht nur noch Micky Maus.

Doch so unverkennbar diese Erscheinung auch sein mag, so schwer ist es offenbar, das Geheimnis der Figur und ihres Schöpfers zu ergründen – zwischen denen oft nicht unterschieden wird. Viele haben an Chaplin im 20. Jahrhundert ihr Interpretationsglück versucht, Publizisten und Philosophen, Kinotheoretiker und Literaten.

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Kurt Tucholsky zum Beispiel schrieb über den Stummfilmkomiker, er sei, „wie alle großen Komiker, ein Philosoph“. Für Béla Balász glich der Tramp einem „ausgestoßenen Waisenkind“. Alfred Polgar sah, wie bei „ihm alle unbelebten Objekte zu etwas Lebendigen werden, alle menschlichen Wesen zu Puppen, deren Schalthebel man suchen muss“. Walter Benjamin erkannte in Chaplins Komik eine Attacke auf die moderne kapitalistische Gesellschaft. Sergej Eisenstein sprach mit Blick auf den Film „Der große Diktator“ vom „Sieg des menschlichen Geistes über die Unmenschlichkeit“.

Am 16. April, vor 125 Jahren, wurde Chaplin geboren. Er erlebte in London eine Kindheit von geradezu Dickens’scher Tristesse, trat schon als Achtjähriger in einer Kindertheatertruppe auf. In den legendären Music Halls wurde er bekannt. Bei einer USA-Tournee wurde er von Hollywood engagiert und trat in schnell heruntergekurbelten Kurzfilmen auf.

In der Requisitenkammer der Keystone Studios stellte er spontan sein bald so berühmtes Kostüm zusammen – jedenfalls geht so die Legende. Der Tramp trat erstmals Anfang Februar 1914 in dem Film „Seifenkistenrennen in Venice“ auf – da war er ein Störenfried, der Streit vom Zaun brach. Erst später entwickelte der Vagabund seine sanfte und großzügige Art, die blinde Blumenmädchen bezirzte („Lichter der Großstadt“) und die Herzen der Zuschauer berührte, wenn er stilvoll Schuhsohlen in Alaska verspeiste („Goldrausch“).

Viel ist darüber sinniert worden, ob Chaplin und seine Figur zusammengehen. Wohl eher nicht: Da waren zum Beispiel seine Frauengeschichten, die so gar nicht zur romantischen Ader des Tramps passten. Chaplin galt auch als harter Verhandlungspartner, ja als geizig: „Ich fahre das Heu ein, solange die Sonne scheint“, pflegte er zu sagen. Und doch fand einer der am besten verdienenden Künstler der Welt unvergessene Bilder für die Qualen des ausgebeuteten Industriearbeiters („Modern Times“).

Chaplin trotzte der Kriminalisierung von Kommunisten in der Hysterie des Kalten Krieges, solange es eben ging. Vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe bemerkte er: „Ich bin kein Kommunist. Ich bin das, was man einen Friedenshetzer nennt. Hoffentlich stört Sie das nicht.“ Auf Dauer konnte sein Ruhm ihn nicht schützen. Der überzeugte Pazifist – immer noch mit britischem Pass – durfte nach einem Premierenbesuch in England nicht mehr in die USA zurückkehren. Chaplin emigrierte in die Schweiz, 1972 holte er sich in Hollywood aber den Oscar fürs Lebenswerk ab.

Und wie hat Chaplin selbst seine Figur gesehen? Das sei „ein Tramp, ein Gentleman, ein Poet, ein Träumer, ein einsamer Kerl, stets auf der Suche nach Liebe und Abenteuer ... Aber natürlich ist er sich auch nicht zu schade, sich nach Zigarettenstummeln zu bücken und kleinen Kindern die Bonbons zu klauen. Und wenn es die Situation erfordert, wird er natürlich auch einer Dame in den Hintern treten.“

Von Stefan Stosch

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