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Weltweit Flüchtlingsbilder ohne Flüchtlinge im Sprengel-Museum
Nachrichten Kultur Weltweit Flüchtlingsbilder ohne Flüchtlinge im Sprengel-Museum
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18:04 03.02.2014
Von Uwe Janssen
Foto: Trügerischer Ort der Hoffnung: Eine verlassene Tankstelle in Südungarn dient Schleppern als Versteck für illegale Einwanderer.
Trügerischer Ort der Hoffnung: Eine verlassene Tankstelle in Südungarn dient Schleppern als Versteck für illegale Einwanderer. Quelle: Leitolf (Ausschnitt)
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Hannover

Der Park wirkt einladend. Eine Picknickanlage mit Tisch und Bank, ein paar Bäume, viel Gras und viel Aussicht. Wirklich schön. Wenn da zwischen den Büschen nicht dieser Zaun wäre. Der Zaun soll den Ort Melilla vor illegalen Einwanderern schützen. Melilla ist ein besonderer Ort, er liegt an der marokkanischen Küste, gehört aber seit dem 15. Jahrhundert zu Spanien, eine Exklave. Marokko erhebt zwar formal einen Gebietsanspruch, unternimmt aber keine konkreten Schritte. Probleme gibt es an einer anderen Front. Melilla ist Anlaufpunkt für „undokumentierte Immigration“ in die EU, ein Sprungbrett zum europäischen Festland. Seit einigen Jahren gehen die Behörden massiv dagegen vor. Elf Kilometer lang ist die Zaunanlage mittlerweile, bis zu sechs Meter hoch, bestückt mit sogenannten Stacheldrahtkissen, Kameras und Bewegungsmeldern. 14 Flüchtlinge sind an diesem Zaun umgekommen.

Es geht um Menschen. Aber auf den Bildern von Eva Leitolf ist niemand. Zu sehen ist das, was Menschen gemacht haben, was Menschen benutzen oder was Menschen sich wünschen. Die Würzburger Fotografin, Jahrgang 1966, reist seit Jahren an die europäischen Außengrenzen, um Ein- und Ausgrenzung zu dokumentieren. Der Umgang der europäischen Staaten mit Immigration ist ihr Thema bei der Langzeitarbeit „Postcards from Europe“. Ein Ausschnitt davon ist jetzt im Sprengel Museum zu sehen.

Eva Leitolf ist Künstlerin. Ihr Ansatz ist kein journalistischer, sie will nicht das Leid dokumentieren. Deshalb stehen auch nicht die Flüchtlinge im Zentrum der großformatigen Fotos. Deshalb schildert sie die Situation auch nicht aus der Sicht der Ankommenden, sondern aus der europäischen Warte. Doch unweigerlich rufen ihre Motive und die neben den Fotos liegenden Postkarten lebendige Assoziationen hervor. Die Postkarten enthalten die nachrichtlichen Hintergründe zu den Fotos, entnommen aus tagesaktuellen Medien, Tagebüchern oder Behördenprotokollen. Die nüchternen Formulierungen passen zu den matten Farben, die den Bildern eine ebenso nüchterne Ausstrahlung geben.

Wie dem aus der Nähe der Stadt Szeged in Südungarn. Eine verlassene Tankstelle, Unkraut wuchert aus den Betonritzen. Das Wetter ist gut, Szeged hat den Beinamen „Stadt des Sonnenscheins“. An diesem tristen Ort werden Flüchtlinge von Schleppern versteckt. Die Polizei kennt den Ort. Den Schleppern ist das egal, weil sie ihr Geld schon bekommen haben. Viel Geld. Umgerechnet 7800 Euro hatten vier afghanische Staatsbürger gezahlt, die über Pakistan, Griechenland und Serbien an diesen Ort gebracht worden waren - bevor die Polizei sie fand.

Das alles sagt das Bild allein nicht aus. Man spürt lediglich ein Unbehagen. Man misstraut dem Bild. „Das darf, nein, das soll man sogar“, sagt die Künstlerin, die in Essen bei Angela Neuke studierte und bei dem US-Medientheoretiker und Künstler Allan Sekula.

Neben Ungarn, den spanischen Exklaven Melilla und Ceuta sowie Griechenland war Italien einer ihrer bisherigen Schwerpunkte. In Kalabrien hat sie einen Obstbaum fotografiert, der gesäumt ist von herabgefallenen Orangen. Hinter diesem bunten, schmackhaften Motiv steht ein unappetitlicher Konflikt um illegal beschäftigte Saisonarbeiter aus Afrika und Osteuropa, die während der Ernte die Gegend um Rosarno in ärmlichsten Verhältnissen leben und 2010 von der einheimischen Bevölkerung regelrecht aus der Stadt getrieben worden waren. Seitdem ist einiges liegen geblieben in und um Rosarno - nicht nur die Orangen.

Das „offene Archiv“, wie Eva Leitolf ihre eindrucksvolle, grenz-wertige Postkarten-Bildsammlung nennt, ist noch nicht geschlossen. Die Fotografin plant weitere Grenzrouten, und sie tut das wie immer sorgfältig. Nicht nur, weil sie mit Familie (Mann und kleinem Sohn) reist. Auch ihre Themen und Zielorte legt sie möglichst klar fest. Das garantiert nicht immer, dass am Ende das gewünschte Foto dabei herauskommt. Aber aus Zufällen entstehen ihre Ergebnisse nie. „Für eine Fotografin fotografiere ich eigentlich ziemlich wenig“, sagt sie.

Die Ausstellung ist bis zum 4. August im Sprengel Museum zu sehen.

Kristian Teetz 15.03.2013
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