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Weltweit Francis Bacon war De Sade der Malerei
Nachrichten Kultur Weltweit Francis Bacon war De Sade der Malerei
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08:47 28.10.2009
Von Johanna Di Blasi
Bacons „Porträt von Papst Innozenz X.“ nach Velázquez von 1959. Quelle: afp/Verlag
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Körper, wie durch den Fleischwolf gedreht, zerstampfte Gesichter, zum Schrei geöffnete Münder: Francis Bacon ist bis heute eine Herausforderung für den Betrachter. Seine miserabilistischen Kompositionen mit isolierten Figuren vor düsteren oder hässlich lila- und orangefarbenen Hintergründen rufen Unbehagen, aber auch Bewunderung hervor. Und obwohl ein Bacon als Schmuckbild hinterm Sofa kaum taugt, balgen sich Großsammler um die wenigen noch verfügbaren Werke. Insgesamt gibt es etwa 600 Bilder – die meisten sind in festen Händen. Auf dem Kunstmarkt erzielen Arbeiten des Künstlers, der heute vor hundert Jahren in Dublin geboren wurde und 1992 im Alter von 83 Jahren in Spanien starb, Sensationspreise.

Im Vorjahr ersteigerte der russische Großsammler Roman Abramowitsch ein „Triptychon“ für 86,3 Millionen Dollar. Damit gab er für einen Bacon eineinhalb-mal mehr aus als für den Stürmer Didier Drogba. „Bacon ist teurer als jeder Fußballer“ wurde damals süffisant in der britischen Presse angemerkt. Auch die Tochter des Emirs von Katar und der britische Künstler Damien Hirst sind Bacon-Sammler.

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Wer verstehen möchte, wie der Maler, der zeitlebens an sich selbst zweifelte, zu so überragendem Ruhm gelangte, wird allerdings kaum vom launischen Kunstmarkt Aufschlüsse erhalten. Anlässlich des 100. Geburtstages Bacons hat der Parthas Verlag Berlin eine Anthologie herausgegeben – mit Stimmen von Kritikern, Philosophen und Schriftstellern, die die Diskussion über das Besondere von Bacons Kunst geprägt haben.

Zunächst wurde Bacon als Existenzialist gesehen – und Existenzialismus war in der Philosophie und Kunst der vierziger und fünfziger Jahre große Mode. Bacon bestätigte damals in Interviews und mit seinem wilden, von sexuellen Ausschweifungen geprägten Leben diese Sicht auf ihn und sein Werk. Zu den frühesten Rezensenten zählt Anfang der fünfziger Jahre der amerikanische Schriftsteller Herman Melville („Moby Dick“, „Bartleby“). Melville sieht Bacon auf einer Stufe mit Dostojewski und Kafka. Er bewundert die feuchte, schwarze, schlangenartige Farbigkeit der frühen Bilder. Als Kunstinteressierter bekam man damals vor allem analytischen Kubismus zu sehen, eine recht intellektuelle Kunst. Bacons Bilder ließen aufatmen. Endlich habe die moderne Kunst „ein menschliches Antlitz“ erhalten, schwärmt Melville.

Zehn Jahre später widmet sich der deutsche Soziologe Arnold Gehlen einer Interpretation der „grausigen Figuren“ und „Missgeburten“ mit Hang zum „Klinisch-Kloakischen“. Auch er ist hingerissen von Bacons Kühnheit. „An terroristischer Gewalt übertrifft Francis Bacon alle Vorfahren und Rivalen, er ist der de Sade der Malerei und ein sehr großer Künstler“, schreibt Gehlen. An späteren Werken bemängelt er allerdings eine „gewisse Verklumpung“.

Nüchterner blickt der junge Werner Spies 1966 in der FAZ auf Bacons „zusammengeknüppelte Fleischhaufen“. Er sieht in ihnen nicht existenzielle Angst ausgedrückt, sondern bemerkt die „nette Farbigkeit der Pop-Art“ – helles Grün, Lila, Babyrosa. Die expressive Seite, so Spies, werde bei Bacon durch Ironie ausbalanciert. Anfang der achtziger Jahre kühlt der Pariser poststrukturalistische Philosoph Gilles Deleuze das Interpretationsklima noch einmal merklich ab. Seine strukturalistische Analyse von Farbflächen und Linien hört sich an, als würde er Ratten sezieren und dabei unerfindlicherweise über gewisse Farbvaleurs in Verzückung geraten.

Im Verlauf der achtziger und neunziger Jahre, als Bacon weltweit mit großen Ausstellungen geehrt wurde, tritt zunehmend die Homosexuellenthematik in den Vordergrund, und auch unter gendertheoretischen Gesichtspunkten wird Bacon nun analysiert. Seine männlichen Figuren und Selbstporträts erscheinen auf einmal als Versuche, Maskeraden der Maskulinität zu entlarven.

Obwohl sich Bacons Kunst stilistisch kaum wandelte, konnten sich in ihr über mittlerweile sieben Jahrzehnte hinweg die jeweiligen Theoriemoden spiegeln. Das ist das Besondere an Bacon.

Dino Heicker (Hg.): „Francis Bacon – Ein Malerleben in Texten und Interviews“. Parthas Verlag. 335 Seiten, 24 Euro.