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19:58 08.07.2013
Folterwerkstatt? Nein, das ist doch das Sammelsurium im Designpanoptikum. Quelle: Korneev
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Berlin

Der Name muss „lang, umständlich und kompliziert sein“, erklärt der freundliche Museumsdirektor und deklamiert mit russischem Akzent: „Designpanoptikum. Surreales Museum für industrielle Objekte.“ Vlad Korneev kam Anfang der neunziger Jahre aus Moskau nach Deutschland. Vor zwei Jahren eröffnete der Fotograf und Sammler unweit vom „Kaffee Burger“, wo auch Wladimir Kaminer zur „Russendisko“ lädt, mit kleinem Budget ein Ausstellungshaus der besonderen Art. Unter Berlin-Reisenden avancierte es schnell zum Geheimtipp.

Die Waschbetonfassade des DDR-Plattenbaus in der Torstraße hat bräunliche Patina angesetzt. In den Auslagen im Erdgeschoss blinken Neonröhren, eine Schalmei steckt in einem Glas, und ein mannsgroßer medizinischer Torso lenkt den Blick auf seine Eingeweide. Wer es wagt einzutreten, fühlt sich in eine Mischung aus Trödelladen, „Metropolis“-Filmkulisse und Psycholabor des Steppenwolfs versetzt. Der Hausherr selbst beschreibt den Ort als „Kinderspielplatz für Erwachsene“ oder „Frankenstein-Labor - allerdings gibt es bei mir keine bösen Dinge“.

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In den schwarz gestrichenen Räumen war früher das Promilokal „White Trash Fast Food“. Hier tanzten Madonna und Mick Jagger. Nun wird der Blick von einem unüberschaubaren Sammelsurium angezogen. Es ist im Stil surrealistisch-absurder Dingkombinatorik zusammengefügt: Schneiderpuppen haben Kameraköpfe, Uraltrollstühle sind mit Propellern versehen, und Rasenmäher, die wie Requisiten aus Fantasyfilmen aussehen, treffen auf Laserschwerter, die in Wahrheit verchromte Wäschestampfer sind.

Der leger gekleidete Russe, Jahrgang 1970, ist in einer Person Museumsdirektor, Sammler (vieles findet er auf Trödelmärkten in und um Berlin, anderes ersteigert er auf Ebay), Eintrittskartenverkäufer, Guide und Techniker. Alle rund 1000 Dinge in seinem Panoptikum hatten vor 50 oder 90 Jahren einen realen Nutzen, den man heute bestenfalls erraten kann. Der Hausherr lässt die Leute zunächst rätseln, dann referiert er genüsslich die „interessantesten falschen Ideen“ - von Gladiatorenhelm bis Foltergerät - und gibt schließlich die Auflösung.

Was Besucher als „Kopfkranz der Freiheitsstatue, schrägen Weihnachtsbaumständer oder mittelalterliches Wurfgeschoss“ identifizierten, war in den sechziger Jahren in Deutschland als Rasenmäher im Einsatz. Ein ovales Objekt, das wie ein Requisit aus „Star Wars“ aussieht, ist eine Straßenlampe, und der meterlange „Zahnarztbohrer für Giraffen“ ist eine Mikrofonangel „made in Hollywood“. Häufig tippen Besucher auf Folterwerkzeug. „Es wäre eine psychologische Untersuchung wert, weshalb alte Geräte oft als beängstigend wahrgenommen werden“, sagt Korneev. Die Art, wie Leute auf die unvertrauten Dinge reagierten, verrate viel über ihre Persönlichkeit.

Über zehn Räume erstreckt sich das Panoptikum. Der Hausherr läuft immer wieder zurück, um neue Besucher in Empfang zu nehmen, die mit einer altmodischen Klingel auf sich aufmerksam machen. Eine mannshohe Supermann-Figur mit silberner Astronautenmaske versperrt inzwischen den Weg in die hinteren Räume. „Wenn es mir primär ums Geldverdienen ginge, würde ich etwas anderes machen“, sagt Korneev. Das Museum sei bislang „eher ein teures Hobby“.

Die Leute wüssten heute viele Dinge über Personen, die nie existierten, zum Beispiel über Harry Potter, dessen Freunde und Verwandte, das Quidditch-Spiel. Den länglichen, lindgrünen Apparat, der wie ein „Metropolis“-Requisit aussehe, aber könnten die wenigsten identifizieren. „Dabei hat das Gerät Hunderttausende Menschenleben gerettet.“ Er sei sei als Beatmungsmaschine für Patienten mit sogenannter Eiserner Lunge eingesetzt worden, Poliopatienten. Manche hätten jahrzehntelang in solchen Apparaten gelegen. Die Beatmungsmaschine im Designpanoptikum ist Baujahr 1949 und aus U-Boot-Teilen aus dem Weltkrieg zusammengesetzt.

Er wolle in seinem Museum zeigen, dass das Leben „spannender und dramatischer“ sein könne als Fantasiewelten aus kommerziellen Traumschmieden, sagt Korneev. Die Sammlungsstücke nennt er „Zeitmaschinen“. Er ordnet sie bewusst so an, „dass sie die Fantasie in die falsche Richtung lenken und die Logik dann in die richtige Richtung kriechen muss“. Vlad Korneev sieht sich als Bewahrer von Objekten, die sonst der Verschrottung anheimgefallen wären - und als Übermittler der Geschichten formschöner Dinge. Die Geschichten hinter den Dingen recherchiert er im Internet. Manchmal liefern ihm auch Besucher wertvolle Informationsbausteine.

Neben Berlin-Touristen haben Fotografen und Filmleute den ungewöhnlichen Ort entdeckt. Das „Men’s Health Magazine“ nutzte das absurde Panoptikum beispielsweise als Hintergrund für eine Fotostrecke. Im Internet finden sich begeisterte Besucherkommentare: „So kurzweilig ist wohl kaum eine andere Sehenswürdigkeit in Berlin“ oder „Selbst Dalí hätte im Designpanoptikum Inspiration gefunden“ oder „Als Frau traut man sich zuerst nicht hinein, weil es gruselig aussieht, genau das ist dann aber witzig“.

Designpanoptikum, Torstraße 201, Berlin, montags bis sonnabends 11 bis 18 Uhr, Eintritt 6 Euro. Infos unter www.designpanoptikum.de.

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