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Weltweit Free Moritz! Über mörsernde Männer und Spanferkel aus dem Erdloch
Nachrichten Kultur Weltweit Free Moritz! Über mörsernde Männer und Spanferkel aus dem Erdloch
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19:07 17.10.2019
Mörsern mit Martina und Moritz: Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer kochen alles weg, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Quelle: WDR/Imhoff Realisation/E.Graeff
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Bisher galt: Die meisten Köche sind Männer, aber die meisten Männer sind keine Köche. Das ändert sich. In meinem Umfeld wird männlicherseits gekocht, dass sich die Gewürzregale biegen. Ein bisher küchenferner Freund, dem das Kunststück gelang, 46 Jahre lang weder eine Badewanne noch einen Backofen zu besitzen, wollte sich neulich über Garmethoden von Steaks unterhalten (immerhin: im Backofen, nicht in der Badewanne). Ich unterband den Versuch mit dem sachdienlichen Hinweis: „Kauf dir ein ,Beef‘-Abo oder geh ins Internet. Wenn du übers Kochen reden willst, stell ich mich tot.“

Ich habe nichts gegen kochende Männer. Ich habe auch nichts gegen kochende Frauen. Ich koche gern selbst. Noch lieber esse ich selbst. Aber bei all der Kocherei geht’s ja längst nicht mehr ums Sattwerden. Sondern ums Kochen selbst.

Moritz darf Basilikum zupfen

Im WDR gibt’s ein kochendes Ehepaar, bei dem der Mann froh sein darf, wenn ihn die Gattin das Basilikum zupfen lässt. Er heißt Bernd Neuner-Duttenhofer, und man soll ja keine Namenswitze machen, aber das klingt schon mal schwer nach Birne-Ingwer-Kardamom-Chutney. Im Fernsehen nennt er sich „Moritz“. Möglicherweise will er anonym bleiben. Sie heißt Martina Meuth. Das klingt eher nach unzerteilten Rindern in einem Feuerloch im Waldboden. Gemeinsam kochen Martina & Moritz alles weg, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Martina & Moritz sind im WDR, was Beyoncé & Jay Z bei Instagram sind: die Mover und Shaker einer ganzen Generation. Er hat eine hohe Stimme, als habe er zu viel Zitronengras geraucht, und wickelt gern Gemüsesäckchen. Sie ist eher der Kressequark-auf-Pumpernickel-Typ.

Immer gut beschürzt: Das WDR-Kochduo Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenhofer. Quelle: WDR/Luca Siermann

Moritz ist das lebende Beispiel dafür, was jahrelanger Currywurstverzicht aus Männern machen kann. Neulich hat er Senfsaat, Pimentkörner und Wacholderbeeren gemörsert, als trügen sie die Schuld an seinem schweren Los als Kaltmamsell. Sie guckt ihn dabei manchmal an, als überlege sie, welches Nudelholz sie ihm nachher über die Rübe zieht. Dazu trägt er alte Bill-Cosby-Pullover auf, die aussehen, als ergäben sie – kurz aufgekocht – eine schmackhafte Suppe für bis zu zwölf Personen.

Bei DMAX gibt’s kein Steinpilz-Risotto, sondern Spanferkel aus dem Erdloch

Wahrscheinlich träumt auch Moritz heimlich von der Route 66. Und guckt abends, wenn Martina im Keller die Champignons streichelt, heimlich DMAX. Bei DMAX gibt’s kein Steinpilz-Risotto. Hier gibt’s Spanferkel aus dem Erdloch. Und jede kleine Schramme im Schenkel eines Holzfällers wird inszeniert wie ein Bauchschuss in Vietnam: Blut! Tapferkeit! Lasst mich hier zurück! Keep it simple. Das ist das Motto. Klare Aufgaben, klare Regeln. Kerle brauchen das. Der Kühler muss ab. Das Krokodil muss weg. Die Waschanlage muss laufen. Die Schlonzmuffe muss runter. Das Fleisch muss gar. DMAX-Männer sind keine Frauenversteher, sondern explosionsinteressierte Fleischfresser. Und das dürfen sie auch sein.

Ich liebe DMAX. Obwohl ich tief im Innern natürlich ahne, dass der Sender von der tiefen Krise der Männlichkeit profitiert. Die sich bedroht fühlende Spezies tut, was die Evolution sie gelehrt hat: Sie rückt zusammen. Wagenburg bilden, Gewehre laden, Feinde wegbeißen. DMAX ist eines ihrer letzten Lagerfeuer. Ein Rückversicherungskanal für klassische Männlichkeitsattribute wie körperliche Kraft und emotionale Härte, die in der postheroischen Gesellschaft an Bedeutung verlieren. Wo soll er denn sonst hin, der übrig gebliebene tätowierte Schnauzbart? Der Zigarre paffende Goldschürfer? Latte macchiato trinkt er nun mal nicht. Umgekehrt träumt eben mancher domestizierte Gewürzmörserer im fliederfarbenen Mohairpullunder wie Moritz von einem nach Benzin riechenden Leben in Freiheit.

Ribeye-Steak für echte Kerle: Szene aus der DMAX-Sendung „Smoked BBQ – Die Grill-Champions“. Quelle: Destination America

Wo sind die echten Kerle hin?

Wo sind diese Männer hin, die gefühlte 3,60 Meter groß sind, in ihren Stiefeln schlafen und schon zum Frühstück einen Becher Tabasco trinken? Männer, die mit Eiswasser duschen, Chilischoten kauen und Streichhölzer an der Hornhaut ihrer Hände entzünden? Männer, die einarmig Bäume zersägen? Wer jemals auf einer verschlammten Wiese in Scheeßel einen riesigen Rocker mit seiner fünfjährigen Tochter hat spielen sehen, der weiß: In den schrulligsten Körpern, in den stärksten Bikern und coolsten Cowboys stecken die sentimentalsten Kerle. Von vorne sehen sie aus wie der Leibhaftige, aber hinten drauf steht „Mama“. Johnny Cash saß 1966 in Starkville (Mississippi) eine Nacht im Gefängnis – wegen „illegalen Blumenpflückens“.

Viele Männer hätten Angst, schreibt die Autorin Sibylle Berg: Sie fühlten sich bedroht von „fußballspielenden Frauen, Homosexuellen, Ausländern und Robotern“. Triebkraft dieser Angst ist der Identitätsverlust als Krone der Schöpfung. Der Mann spüre, dass er nicht mehr der Nullmeridian der Geschlechter sei. Auch die männerdominierte Industriearbeit verliert im Westen an Bedeutung. Umso mehr wird bei DMAX körperlich geschuftet, gefräst, geschraubt. Und Printmagazine wie „Beef“ und „Walden“ feiern den smokenden, grillenden, surfenden und wandernden Wildmann.

Mick Jagger mit Rüschenschürze? Nicht vorstellbar

Der britische Journalist Jack Urwin registriert in seinem Buch „Boys Don’t Cry“ ein diffuses Unbehagen bei vielen Männern. Es gelingt ihnen nicht, das tief sitzende archaische Männerbild vom omnipotenten Ernährer und Entscheider mit der modernen Gesellschaft in Einklang zu bringen. So werden sie gleichermaßen zu Hütern und Opfern ihrer alten Ideale. Der Trugschluss lautet: Die haben mir was weggenommen! Das Symptom dieser gefühlten Wahrheit ist eine tief sitzende Statusangst, die womöglich auch den Aufstieg großkotziger Populisten wie Donald Trump und Wladimir Putin begünstigte. Die Autorin Ines Geipel schrieb, dass auch die rechten politischen Bewegungen für manchen Kerl die „letzte Möglichkeit“ seien, die „Lebensdepression loszuwerden“, denn es gebe „wieder einen Auftrag, in einem gärenden Wir“. Das klingt kompliziert und verkopft. Da ist DMAX doch der bessere Schutzraum für all jene Männer, die nicht Moritz werden wollen.

Denn das DMAX-Männerbild durchzieht eine leise Ironie, ein feiner Humor, der die polternde Machohaftigkeit der Typen dort erst aushaltbar und attraktiv macht. Der einsame Wolf folgt noch einmal dem Ruf der Wildnis – wenn auch nur theoretisch: im Fernsehen. Und Moritz wäre so gern dabei. Denn seien wir ehrlich: Mick Jagger, der in einer Landhausküche in Rüschenschürze Fische schuppt? Nicht vorstellbar. Deshalb meine Forderung: Free Moritz!

Von Imre Grimm/RND

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